Zeitungsartikel

       

Im Kampf gegen vierfingrige Aliens
VON SILJA UKENA

Aus dem "Hamburger Abendblatt" - Wochenend Journal
Sonnanbend/Sonntag, 11./12. Dezember 1999

    "What have they done to the earth
    What have they done to our fair sister?
    Ravaged and plundered and ripped her and bit her
    Struck her with knives in the side of the dawn
    And tied her with fences and dragged her down."

    (Jim Morrison, When The Music's Over)

    Wenn die Musik aus ist, dann gibt es diesen winzigen Moment, in dem die Stille so laut ist, dass man es kaum erträgt. Ein vollkommen geräuschfreier Augenblick, der aus irgendeinem Grund schmerzt. Vielleicht, weil wir das Nichts so schwer aushalten. Danach geht alles weiter wie immer: Da ist das Rauschen in der Heizung, dann der Straßenlärm und schließlich hört man gar nicht mehr hin.

    So ist es auch am Ende von Myra Çakans Roman When The Music's Over. Mit einem Unterschied: Man hört weiterhin zu. Horcht auf den Nachhall dieser Geschichte mit dem Gefühl, als sei in einem gerade eine Gitarrensaite gerissen. Erst ein erschrecktes Zusammenzucken, danach die Trauer um unwiederbringlich Verlorenes, gepaart mit der Hoffnung, dass doch trotzdem nicht alles aus sein möge.

    Myra Çakans Buch, benannt nach dem berühmten Doors-Song, ist Science Fiction, ein Cyberpunk-Roman. Doch geht es dabei nicht bloß um wabbelnde grüngetüpfelte Aliens, die sich gegenseitig mit Laserkanonen befehden. Es geht um unsere Welt im 21. Jahrhundert oder das, was von ihr geblieben ist. Und um Menschen, die in jenen Resten nach Liebe stochern. Gut, Aliens in Raumschiffen kommen auch vor, insekten-artige mit vier Fingern. Aber die benehmen sich sehr menschlich - sie wollen Macht um jeden Preis - und reihen sich somit wunderbar in die Schreckensvisionen der Schriftstellerin ein. Apokalypse now.

    Warum schreibt man so etwas, und wie ist jemand, der solche Gedanken hat? Noch dazu als Frau. Ist nicht Science Fiction männliches Revier, wo sich coole Kerle mit High-Tech-Spleen in fremden Galaxien austoben? Zur Freude anderer cooler Kerle, die auch mal ein bisschen Held sein wollen. Und ist nicht für Frauen Fantasy viel geeigneter - wo Feen mit Zwergen und Zauberern tollen und nicht so furchtbar viel Logik und Technik im Spiel sind.

    Alles Vorurteile. Aber für Myra Çakan großartig. Weil sie Denk-Schubladen jedweder Art verabscheut und widerborstig herausspringt, sobald sie jemand in eine solche stecken möchte.

    Das wäre die psychologisierende Deutung, weshalb sie Science Fiction schreibt. Und sonst? "Ich bin manchmal ziemlich durchgeknallt." Sagt es und lächelt milde und sieht in diesem Augenblick nicht im geringsten so aus, als ob sie je durchknallen könnte. Eine schwarze, schmale Gestalt, blass und fröstelig. Altersmäßig irgendwo, aber darüber spricht sie nicht. Hat lila Schatten unter den dunklen Augen und sieht sehr dünnhäutig aus. Neuerdings, sagt sie, wird sie von Kaffeehauskellnern immer übersehen.

    Auch jetzt macht sich erst nach wildem Winken jemand auf den Weg an unseren Tisch. Frau Çakan bestellt Grünen Tee - "Haben Sie auch was Gesundes?" - und geht erst mal die Heizung aufdrehen. Sie hat etwas sehr Ephemeres an sich, etwas Leises. Wie eine Katze. Man hört sie nicht, aber sie ist doch da.

    Wahrscheinlich paßt sie deshalb so gut zu ihren Mitbewohnern. Myra Çakan teilt ihr Leben mit vier Burmakatzen. Über diese Sorte sagt das Lexikon: Sie ist ziemlich intelligent, temperamentvoll und sehr unabhängig. Sie hat einen freundlichen Charakter, trotzdem kann sie dickköpfiger und hartnäckiger sein als die meisten Arten.

    Das beschreibt nun auch Myra Çakan ziemlich genau. Zusatz: Manche halten sie für arrogant. Macht aber nichts: "Sollen sie. Ich kann Dummheit nun mal nicht ausstehen." Punkt. Klare Aussage. An Selbstbewußtsein mangelt es ihr ganz offenbar nicht. Und wer dachte, die Frau sei so verhuscht, wie sie scheint, hat sich gründlichst geirrt. Überhaupt überrascht die Schriftstellerin durch ein wie sie selbst es nennt "loses Mundwerk". Ihre Sprache ist hin und wieder ruppig und nachlässig, erinnert an einen alternden Rockstar mit langem Ledermantel und Fluppe im Mundwinkel. Zum Beispiel sagt sie: "Dieses Jahr war einfach bombastisch. Hey, es geht mir saugut!" Und blitzt saustolz mit den Augen. Endlich hat sie es geschafft: Ihr erster Roman ist gedruckt. Endlich kann sie die Schriftstellerin sein, die sie eigentlich seit Jahren ist, sich aber selbst immer wieder verbieten musste.

    Die Gründe dafür sind ziemlich schnöde: "Weil schreiben purer Luxus ist." Das gilt für jede Sorte Literatur, für Science Fiction aber besonders. Da ist der Markt in Deutschland klein und die Vorauszahlungen der Verlage sind eher ein Witz, wenn man davon leben will. Also arbeitete sie von Hamburg aus als freie Autorin für Zeitungen und Magazine. Aber, damit das klar ist: "Ich bin nicht die schreibende Journalistin, die auch ein Manuskript in der Schublade hat. Die Geschichten waren zuerst da."

    Zuerst, das war in den 80er Jahren, nicht lange nachdem Myra Çakan die erste Begegnung mit Science Fiction überhaupt hatte. Sie war knapp 20 Jahre alt und Schauspielstudentin an einer privaten Schule in Harvestehude. "Ich hatte schon immer einen Hang zu brotlosen Künsten. In diesem Sinne bin ich der Alptraum aller Eltern." Na, ist ja trotzdem was aus ihr geworden.

    Ihre Lehrer jedenfalls wollten sie in die Schublade "elegische Julia" stecken und rieten auch dringend vom Gitarrelernen ab, weil dies das Studium der klassischen Rollen beeinträchtige. Damit kamen sie Myra natürlich gerade recht: Der erste Weg führte in eine Musikalienhandlung und der zweite in einen Plattenladen. Sie wurde Fan ganz und gar unelegischer Sänger, und einer von diesen erwähnte am Rande eines Interviews, er lese gerne Science Fiction. Das war die Initialzündung. Und nachdem das SF-Regal der örtlichen Leihbücherei ausgelesen war, begann die inzwischen frisch von der Schule geflogene "Julia", sich die Space Operas, die gerne lesen wollte, selbst zu schreiben. "Es klingt wie das grauenhafteste Klischee schlechthin. Aber ich saß vor einer uralten Schreibmaschine meiner Mutter, wie man sie aus den Büros von heruntergekommenen Hardboiled-Detektiven kennt, und hackte mühsam meine Geschichten aufs Papier." Denn nicht nur das E klemmte, nein, auch das R, das S und das T. Ist schon nachvollziehbar, dass Myra Çakan ihre Energie bald woanders abarbeitete. Sie machte Musik, schrieb Lieder mit guten Texten und mäßigen Melodien, gab Gitarrenunterricht und lebte in die Tage hinein. Erst mit Star Wars kam der Kick zum Schreiben wieder. Aber als sie soweit war, verschickten die Verlage nur freundliche Formbriefe: Es täte ihnen sehr leid, aber gerade hätten sie ihre Science Fiction-Reihe eingestellt. Zwei Kurzgeschichten hat sie zwar verkauft, und die wurden auch gedruckt. "Aber dass ich dachte, prima - das geht jetzt immer so weiter, war natürlich ein Irrtum."

    Also hat sie sich das Schreiben verboten. Bis auf ein paar Ausnahmen, gestohlene Zeit. "Da noch kein Raumschiff gekommen ist, das Anhalter mitnimmt, reise ich eben im Kopf. Sich andere Welten auszudenken - selbst wenn es nur fünf Minuten in der Zukunft sind - ist faszinierend. Diese kleinen "Was-wäre-wenn"-Spielchen, die liebe ich." Da kann auch ein norddeutscher Mischwald flugs zur Alien-Wohngemeinschaft mutieren.

    Sieben Jahre ist es her, dass sie in sich einer jungen Frau begegnete, die im 21. Jahrhundert unterwegs war und die Silvesterparty ihres Lebens feiern wollte. Das war die schöne Nordländerin Skadi - Heldin aus When The Music's Over - und die stellte sich im Verlauf der Kurzgeschichte plötzlich herausfordernd vor Myra Çakan auf und verlangte: "Ich will mehr Leben." Ganz wie der Android Roy Batty aus dem von der Autorin sehr verehrten Film Bladerunner. "Und wenn man nicht will, dass einen die eigenen Schöpfungen verfolgen, ist man gut beraten, auf sie zu hören", sagt Frau Çakan.

    Das hat sie sich zwar erst mal wieder nicht gegönnt und statt dessen jedes Jahr am 31.12. die Datei im Computer aufgerufen und den guten Vorsatz gefasst, bestimmt bald daran weiter zu arbeiten. Aber den Faden hat sie nie verloren. "Schreiben", sagt Myra Çakan, "hat viel mit mexikanisch Kochen gemeinsam. Damit diese roten Bohnen so richtig gut werden, braucht man ewig dafür. Es köchelt vor sich hin, ab und an blubbert es, und dann muss man umrühren." Und so hat sie ihre Ideen auf kleiner Flamme geschmort und wenn es geblubbert hat, ein paar Seiten geschrieben. Eine der wichtigsten Zutaten: die Musik. "Sie ist mein Schreibwerkzeug. Ich wähle eine CD aus, um im Text eine bestimmte Atmosphäre zu erzeugen. Der Rhythmus ist wichtig. Für Music waren das die Doors, Billy Idol, Beethovens Violinkonzert in B-Dur und der Soundtrack von Natural Born Killers." Riskante Mischung, mit der muss man umgehen können.

    Am Ende ist ein ziemlich ein scharf gewürzter Roman dabei herausgekommen, der sich nicht nur gut verkauft, sondern nun sogar ein Film werden soll. "Ich wusste die ganze Zeit über, ich habe da was Besonderes."

    Das hat sie. Auch etwas besonders Erschreckendes. "Der Roman ist kein Öko-Mahn-Thriller, aber ich habe schlicht unsere Welt weitergedacht. Und wie soll es schon werden, wenn einerseits Polarbären verhungern, weil ihre Eisschollen zu früh schmelzen und Wissenschaftler vorhersagen, dass in einigen Jahren die Urlaubsorte im Süden viel zu heiß für uns sein werden und andererseits die Menschen das alles so hinnehmen und sich freuen, wenn ihr Baby "nur" eine Allergie hat?"

    The music's over. Aber es geht weiter, tortzdem. Und möglich, dass es Hoffnung gibt. Nicht jetzt, aber für eine neue Generation. Myra Çakan jedenfalls hat die nächste CD schon eingelegt. Ein neuer Roman kann kommen.

© Silja Ukena, Hamburger Abendblatt, 11./12. Dezember 1999


Späher im unendlichen Raum
VON SUSANNE LIEDTKE

Auszug aus "Das Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt" - Ausgabe 19/99

DIE SCHRIFTSTELLERIN: WO NOCH KEINER WAR

    "Im Himmel", sagt Myra Çakan, "da ist alles möglich." Deshalb lässt die Hamburger Autorin ihre Geschichten gerne dort spielen, genauer gesagt, im Weltraum und auf fremden Planeten. Dort, so sagt sie mit Enthusiasmus, könne man noch allerhand Überraschungen erleben. Ihrer literarischen Phantasie sind im All keine Grenzen gesetzt, sie kann Aliens auf Alpha Centauri Klavier spielen lassen oder Menschen auf dem Mars ansiedeln. Sciencefictionliteratur ist für Çakan eine Metapher auf Gegenwart und Wirklichkeit. Sie schätzt an diesem Genre besonders den "sense of wonder", den Sinn für Wunder. Indem sie sich räumlich oder zeitlich weit weg von der Erde bewegt, kann sie irdische Probleme in einem ganz neuen Licht betrachten und darstellen.

    So entwirft sie in ihrem neuen Roman "When the music's over", der im September erscheinen soll, das düstere Bild einer von massiven Umweltproblemen geplagten Erde. Holland steht in Folge der Klimaerwärmung bereits unter Wasser, Hamburg wird überschwemmt. Un bemerkt von den mit der Klimakatastrophe völlig überforderten Menschen erobern langsam, aber sicher Außerirdische die Welt, machen als Drogendealer die Menschen von sich abhängig und suchen als "kleine fiese Goldgräber" Profit aus der Situation dieser Erdlinge zu schlagen.

    Außerirdische, das sind für Myra Çakan Touristen, sozusagen die "Japaner out of space". Nicht von wissenschaftlichem Interesse getrieben, sondern aus purer Neugier und Abenteuerlust tummeln sie sich auf der Erde. Das findet die Autorin ausgesprochen sympathisch an den kleinen grünen Männchen. Neugier, so meint sie, ist etwas im wahrsten Sinne des Wortes Universelles.

    Neugier ist es auch, was die Schriftstellerin zu Experimenten mit immer neuen Welten antreibt. Ihre Romane und Erzählungen spielen nicht nur im All, sondern auch im Cyberspace: Sie lässt ihre Helden in der Zeit reisen oder nimmt den Leser mit in die bizarre Welt menschenähnlicher Roboter. "Es liegt in der Natur des Menschen, dorthin zu gehen, wo er noch nicht war", sagt sie und betont mit einem halb sehnsüchtigen, halb verschmitzten Lächeln, dass sie sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen würde, selbst einmal in ferne Welten vorzudringen und zum Beispiel bei einer Weltraummission mitzufliegen.

    Einige Bodenstationen in den USA hat sie sich schon angesehen. Çakan bedauert es sehr, dass die Wahrscheinlichkeit, diesen Traum jemals zu erfüllen, immer geringer wird, weil die bemannte Raumfahrt immer häufiger als zu teuer und zu wenig effektiv verurteilt wird. Der Raum hat mit seiner Unendlichkeit eine große Faszination für die Autorin, und dabei kommt auch so etwas wie Spiritualität ins Spiel: "Es sind Sachen da draußen, die wir nicht begreifen können, aber wir sollten sie auf jeden Fall erleben." Deshalb sollte der Mensch auch wirklich "hingehen und nachschauen, was da ist", sprich ins Weltall fliegen, meint Çakan.

    Eine Großstadt wie Hamburg ist für sie nicht der richtige Ort, um einen nächtlichen Ster nenhimmel zu genießen, dazu ist es meist zu hell. Fernab des städtischen Lichtermeers erlebte Çakan jedoch den Himmel auf eine Weise, die ihr unauslöschlich in Erinnerung geblieben ist. Sie beobachtete kürzlich Polarlichter über Spitzbergen, wo sie für ihren neuen Roman recherchierte. "Die Lichter spannten sich von Horizont zu Horizont", beschreibt sie das Himmelsphänomen eindringlich und nimmt die Hände zur Hilfe, um das Ausmaß deutlich zu machen: "Ich fühlte mich wie in einem riesigen Dom." Wenn man so in den weiten Himmel blicke, dann werfe einen das auf seine eigene Größe oder besser Kleinheit zurück.

    Und sie sagt ganz nachdenklich: "Man begreift dann, dass man selber aus den Sternen kommt und ein Teil des Kosmos ist."

    Gut kann sie die Erlebnisse von Kosmonauten nachvollziehen, die eine Art Sog in die unendliche schwarze Weite des Alls beschreiben, so stark, dass sie am liebsten ihre Raumkapsel verlassen hätten. Auch Myra Çakan wird so schnell nicht vom Himmel mit all seiner Faszination loskommen. "Der Raum", sagt sie ganz versonnen, "ist eine Droge."

© Das Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt - Ausgabe 19/99


Körnerfresser? Körperfresser!
In ihrem Debutroman „When the Music´s over" schreibt Myra Çakan deutschen Cyberpunk

Ulrich Noller, Stadt Revue 12/99

    Es ist kalt im Europa des 21. Jahrhundert. London existiert nicht mehr, Berlin ist verfallen. Weite Landstriche sind atomverseucht, viele Menschen auf der Flucht. Holland und Norddeutschland werden mehr und mehr von Wassermassen überschwemmt. Die Erde wird von einer fremden Macht beherrscht. Politiker und Konzerne kollaborieren mit den Fremden, verdienen gutes Geld damit. Und die kleinen Leute lassen sich´s gefallen. Im Drogennebel und eingeschüchtert von gelegentlichen Strafaktionen dämmern die meisten Menschen apathisch vor sich hin.

    Auch Skadi ist auf der Flucht. Vor dem Elend der Slums von Longyearbyen, Spitzbergen. Und vor sich selbst: Eine Schamanin hat ihr Bedeutungsvolles für die Zukunft prophezeit. Bisher kann die junge Frau mit den verschlüsselten Orakelsprüchen aber wenig anfangen. Also macht sie sich auf den Weg nach Europa. Weg von den dunklen Depressionen im ewigen Eis, ab zur Sylvesterparty des Jahrzehnts. Pünktlich zum Jahreswechsel soll nämlich auch Hamburg von den Fluten überschwemmt werden. Die Raver würdigen den Untergang der letzten autonomen Küstenstadt mit einem Tanz auf dem Vulkan: In einem Hochhaus haben sie die oberen Stockwerke besetzt. Als Skadi im Stroboskopgeflirre ankommt, ist die Party schon in vollem Gang. Sex, Drogen, Rock´n Roll, auch in der Zukunft alles wie gehabt. Aber dann tauchen ungeladen extraterrestrische Gäste auf...

    Skadi ist die Stellvertreterin des Lesers, sagt Myra Çakan. Von außen, staunend gelangt sie in die apokalyptische Welt Mitteleuropas. Beobachtet die Außerirdischen, wie sie fies lachend eine komplette Raverkolonne vernichten. Ist bei den Tunnelsoldaten in Berlin, als diese mit Molotowcocktails wiederum ein Raumschiff der Besetzer angreifen. Taucht mit Pierce hinunter in Unterwasserwelten, in denen Unglaubliches geschieht. Trifft Hacker, Videojournalisten, Musiker und einen melancholischen Medientycoon. Myra Çakan hat Skadi erfunden und all die anderen sympathischen Quergeister, die den Bösen, wo immer möglich, auf die außerirdischen Chininfinger treten. Eine bunte und kämpferische, insgeheim aber eher gebrochene und verzweifelte Truppe, die den aussichtslosen Kampf aufnimmt und diesen am Ende gegen alle Wahrscheinlichkeit, natürlich, gewinnt. Hightech, low life, so beschreibt die Autorin, was sie am Cyberpunk fasziniert. Technologie wird benutzt, nicht vergöttert. Und das Leben, dort unten in den gesellschaftlichen Niederungen, bei den Helden des Cyberpunk, ist zwar düster und dreckig, aber hoffnungslos ist es nicht.

    Science Fiction aus Deutschland, noch dazu von einer Frau? Nichts besonderes, meint Myra Çakan. Schon seit Jahren veröffentlicht sie in Fachmagazinen, When the Music´s over beruht auf einer Kurzgeschichte von 1992. Kürzlich hat sie die Filmrechte für das Drehbuch verkauft. Die deutschee Fassung schreibt sie selbst, schließlich ist sie nicht nur Journalistin, sondern ausgebildete Drehbuchautorin. Die englische Version besorgt John Shirley, der Film wird für den Weltmarkt produziert. John Shirleyist der Entdecker von William Gibson, dem Vater des Cyberpunk. Ein Fan von Myra Çakan: „Wo sind Deutschlands Futuristen? Rar und dünn gesät. Warum sollen die USA und England das Feld der SF beherrschen? Deutschland hat, scheint mir, lange genug auf jemand Würdiges gewartet - nein, nicht bloß Deutschland, sondern auch die Frauen. Und hier ist sie. Ihr Name ist Myra Çakan und sie hat das Feld im Blick, hat die geistige Unabhängigkeit, die Vision und die Intelligenz, die es braucht."

    Besonders wichtig beim Schreiben, meint Myra Çakan, ist der Sound. Billy Idol und Julie Cruise hat sie gehört, The Cure, Portishead, CCR, Velvet Underground. Und Musik zu Filmen: The Crow, Twin Peaks, Strange Days und Natural Born Killers. Zusammen ergibt das den Soundtrack ihres Romans. Und der manifestiert sich in Bildern, Farmen und düsteren, apokalyptischen Landschaften. Je weiter der Roman von den mitteleuropäischen Zentren weg ins Umland entführt, desto heller und klarer aber die Farben. Das Blau der Meeresfluten um Freezone, das Weiß des Schneetreibens von Spitzbergen. Im ewigen Eis liegt die Lösung, und Freezone, das ist eine künstliche Insel, irgendwo in der Nähe von Fuertoventura. Eine Künstlerkolonie. Überlebenskünstler, Schriftsteller, Freigeister leben hier, die Wesen aus dem All dagegen nicht. Eine multikulturelle Kleinstgesellschaft also, die auch wieder das bedrohlich Fremde braucht, um zu sich finden, Myra Çakans fragile Utopie.

    Gesellschaftskritik? Analysieren sollen Leser und Journalisten, meint die Autorin. Ihr geht es nur um eine gute Story mit glaubwürdigen Charakteren. Gesellschaftskritik ist für sie nur dann interessant, wenn sie ihren Figuren Raum und Hintergrund gibt. Nicht umsonst nennen die Damen vom Argument Verlag ihre neue SF-Reihe allerdings Social Fantasies. Der Hintergrund von Çakans Figuren heißt: Person gegen Masse, Mensch gegen Konzern, Arm gegen Reich. Und auf der Seite der weniger Wohlhabenden, meint die Autorin, sind eben meist die interessanteren Charaktere, Ausnahmen bestätigten die Regel. Aber keine Sorge, wir sprechen hier nicht von einem Traktat. Myra Çakan läßt ihren Lesern Raum für Projektionen, und sie versteckt die Politik hinter jeder Menge thrill und suspense. Nur wenn man so will, ist When the Music´s over gesellschaftskritisch. Wenn nicht, dann liest man eben hervorragende SF-Unterhaltungsliteratur mit bewußt gewählten Reminiszenzen, vom Blade Runner über Akte X bis zum Angriff der Körperfresser.

    Ökologie, Antifa, Apokalypse, Billy Idol und The Cure... Wer hätte das gedacht: Ein paar Punks, Computernerds und sonstige Verbliebene aus den achtziger Jahren retten püntklich zum Milleniumswechsel die dahindämmernde Welt. Retro-Science-Fiction also gewissermaßen. Aber doch zukunftsweisend. Denn Myra Çakan kann erzählen. Und das ganz phantastisch.

© Ulrich Noller, Stadt Revue Ausgabe 12/99


Was wird aus uns? Zur Jahrtausendwende treiben die "Social Fantasies" schrille Blüten...
Aliens und Cyberpunks

Hamburger Morgenpost vom 30.10.1999

    Im Jahr 2000... spielt die Zukunftsmusik. Dachten wir, als die Jahrtausendwende noch Lichtjahre entfernt und alles möglich schien. Jetzt sind wir am Jahrtausendende, umtanzen mangels Visionen alte Steine, sitzen zwischen sämtlichen Utopien in der alten Patsche und greifen immer noch nicht nach den Sternen.

    Das Leben geht gerade so eben weiter - bis auf weiteres. Nur die Science-Fiction-Autoren, von jeher Spökenkieker der Literatur, müssen sich umstellen: Sie sind in der Zukunft angekommen, die sie immer beschworen haben.

    Aber die Veränderung birgt bekanntlich Chancen, und eine davon hat man beim Hamburger Argument Verlag ergriffen: Hier blühen seit einigen Monaten die "Social Fantasies" - SF der besonderen Art. Die neue Taschenbuchreihe bringt verblüffende soziale Fantasien in Serie. Kleinster gemeinsamer Nenner: Charme und Erzähl-Niveau. Klassische Weltraumopern sind nicht dabei; die Autoren bleiben meist erdverbunden.

    Zwei soeben erschiendene SF-Titel servieren das anregende "Fantasies"-Konzept in nuce: Myra Çakans "When The Music's Over" und John Shirleys "Es werde Licht". Zwei Cyberpunk-Romane, die es in (und außer) sich haben. Kein Wunder, gilt Shirley doch seit 1980 und "City Come a Walkin'" als Vater dieses SF-Subgenres (und "Erfinder" der seither als Cyberpunk-Symbol geltenden Spiegelbrille).

    Und Çakan, mindestens so abgedreht wie King Shirley, wird in eingeweihten Kreisen längst als hiesige Kronprinzessin gehandelt. Hinweis für uneingeweihte Kreise: Cyberpunk geht von der Voraussetzung einer global vernetzten und beherrschten Welt aus, in der alles längst nicht mehr zum Besten steht.

    High tech, low life also, doch die Rebellen (Punks halt) hacken sich durchs www, und der Macht geht's meist ganz schön an die Bits und Bytes. Cyberpunk beschwört eine (nicht allzuferne) Zukunft, in der direkte Schnittstellen zwischen Gehirn und Computer ungebremste Flüge durch den Cyberspace ermöglichen, und in der Drogen unterwegs sind, gegen die LSD das reinste Löschpapier ist.

    Und, übrigens: Wir sind nicht allein... Die Aliens, die sich bei Shirley und Çakan tummeln, sind anders als die üblichen Verdächtigen. Keine martialischen Sternenkrieger oder laserrasselnde Eroberer, eher kosmische Dealer oder Immobilienspekulanten. Jeder, mahnt die soziale Fantasie, hat halt die Außerirdischen, die er verdient. Und tatsächlich: Die irdischen Verhältnisse sind aus den Fugen.

    In "When The Music's Over" ist das polare Eis geschmolzen, Europas Metropolen werden von Sturmfluten gebeutelt, Amsterdam und Hamburg sind landunter, und in Berlin brennt der Baum. Katastrophentourismus ist das Geschäft der Stunde, und auch die junge Grönländerin Skadi tut sich ein bisschen um in Europa, wo demnächst wieder mal eine Jahrhundertwende groß gefeiert werden soll.

    Die charismatische Heldin sammelt allerlei hinreißende Rebellen um sich, und gemeinsam wagt die bunte Truppe den Aufstand gegen das obskure Regime der außerirdischen "Vierfinger", die nach ihrer "freundlichen Übernahme" das www stillgelegt haben und (nicht nur) das Geschäft mit den Drogen kontrollieren. Ein überirdisch atemberaubendes Finale lässt hoffen. Auf Weiteres.

    Auch bei Shirley hat die Menschheit sich ziemlich ausgebremst. Die Neue Welt liegt in Schutt und Asche, christliche Fundamentalisten, diverse Geheimdienste, islamische Vereinigungen und Freaks aller Arten bekämpfen einander bis aufs Messer, während im geheimen Forschungszentrum "Area 51" die offizielle "Vereinigung" mit den aus allerlei Ufo-Sichtungen sowie Funk und Fernsehen (Roswell!) längst bekannten "Grauen" vorbereitet wird.

    Die Aliens haben seit rund 2000 Jahren ein (ovales schwarzes) Auge auf uns, und nun wollen sie endlich mal mitreden. Nur an der Pressearbeit hapert es noch... Auf verschiedenen Erzählebenen zündet Shirley sein poetisch-satirisches Feuerwerk um Religion und Rebellion, Technologie und Spiritualität, Cyberspace und Naturgewalten. Sex und Liebe, Geister und Schamanen und... Jesus!

    Shirley lässt nichts aus. Er ist wieder mal in beunruhigender Hochform. Achtung: Seine Zukunft ist ganz nah. Knapp jenseits des magischen Datums blühen gerade die "Social Fantasies".

© Ira Panic, Hamburger Morgenpost 30.10.1999


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