When The Music's Over

Leseprobe

 

Die Nacht, als die Flut kam

      Er hörte das Glucksen des Wassers zuerst in seinem Traum. Es war ein schöner Traum. Aus einer längst vergangenen Zeit, als Papa noch seine Arbeit hatte und nicht immer nur den ganzen Tag vor dem Fernseher hockte und ihn anschrie, wenn er nur durchs Wohnzimmer tappte – ganz leise. Den ganzen Tag war er an der Sonne gewesen, hatte Dämme aus schlammigem Sand gebaut und mit Muscheln und Tang verziert. Und die Wellen hatten diese leise glucksenden Geräusche gemacht, so als würden kleine Kobolde lachen, Wasserkobolde.

      Im Jahr darauf hatten sie den Strand gesperrt. Er hatte Papa gefragt warum, doch der war nur sauer geworden, wie so oft, wenn er ihn etwas fragte, was er ihm nicht erklären konnte. In der Schule hatten sie dann gesagt, es hätte irgendwas mit durchrostenden Fässern zu tun. Damals ging er noch zur Schule. Aber irgendwie hatten sich die Dinge nach dieser Sache mit den Fässern nur noch zum Schlechten entwickelt. "Politiker. Ist alles Schuld dieser verdammten Politiker", sagte Papa immer. Mama nickte nur. Sie sagte überhaupt nicht mehr viel in jenen Tagen.

      Es waren die Böller, die ihn weckten. Sie schießen Hochwasser, dachte er schläfrig und zog sich die Decke über die Ohren. Er wollte zurück an diesen Ort, wo immer Sommer war und die Wellen kicherten.

      Und irgendwann, als er gerade in seinen Traum zurückgleiten wollte, merkte er, dass etwas nicht stimmte. Es waren die Geräusche, die fehlten. Das Klicken des alten Radioweckers auf seinem Nachttisch, das Brummen des Kühlschranks, der hinter der Trennwand seiner Schlafecke stand. Nur das seltsame Glucksen, das so gar nicht in seine Wirklichkeit passen wollte, war zu hören. Er stand auf. Tastete sich im Dunkeln zur Tür, wo der Lichtschalter war. Knipste ihn an, es blieb dunkel. War dies alles vielleicht noch ein Teil seines Traumes? Er lief über den Flur. Die Schlafzimmertür war nur angelehnt. Sein Herz klopfte plötzlich so laut, dass ihn das Geräusch, die Hand an der Klinke, erstarren ließ. Und dann schwang die Tür auf, er konnte sich nicht erinnern, sie angestoßen zu haben.

      Sie waren einfach verschwunden, hatten sogar noch Zeit gehabt, ihre Koffer zu packen, wie er an den aufgerissenen Schubladen erkennen konnte. Er war doch erst neun. Viel zu jung, um allein zu sein. Wie konnten sie ihm das antun?

      Der Sturm peitschte das angelehnte Fenster auf, fetzte die gebauschten Vorhänge zur Seite und ließ das Mondlicht herein. Er konnte sich in den großen Spiegeln auf der Schleiflackschrankwand erkennen: ein kleiner dünner Junge in einem Garfield-Pyjama. Mutlos sah er an sich hinunter, er trug ja nicht einmal Schuhe, wie sollte er da dem Leben begegnen?

      Da erst sah er das Wasser. Der grüne Teppichboden war schon ganz durchgeweicht – hatte patschige, schwarze Flecken. Jetzt wird Papa aber toben, dachte er. Ganz weit entfernt konnte er die Sirenen hören. Das war beim Einkaufszentrum. Er erinnerte sich, dass sie sie vor vier Jahren dort auf dem Dach installiert hatten, das war gewesen, nachdem die "Fremden" gekommen waren. Und dann merkte er, dass er nur an all diese Dinge dachte, weil er die Wirklichkeit nicht wahrhaben wollte. Er schniefte. Jungen weinen nicht. Doch dann fiel er auf die Knie und drückte sein Gesicht in Mamas Kopfkissen und heulte sein ganzes Elend hinein.

 

Europa unter den Füßen

      Es war Sylvester, es war Nacht und es war kalt. Regen und Wind peitschten die Bugwelle zur meterhohen Gischt. Der Kutter bäumte sich auf und knallte auf die Eisschollen in der Fahrrinne. Eispartikel schnitten ihr ins nackte Gesicht. So sah also der Winter auf dem Kontinent aus? Skadi zog sich die Schneebrille vor die Augen. Lügen, nichts als Lügen. Seit sie an Bord gegangen war, hatte ihr der bekiffte Kapitän nichts als einen Sack voll Lügen erzählt.

             "Mach, dass du von Bord kommst, ’skimo." Während der ganzen Überfahrt hatte sie nicht einmal sein Gesicht sehen können und die Angst hatte sie nicht verlassen, dass er die Krankheit haben könnte. Viele auf den Inseln hatten sie. Seit sie auf Reisen gegangen war, hatte es sich Skadi zur Gewohnheit gemacht, ihren ganzen Körper jeden Morgen nach den verräterischen dunklen Malen abzusuchen. "Pest von den Sternen" hatte man die Seuche anfangs genannt. Doch "sie" verboten es und so hieß es nur noch "die Krankheit", so als wären alle anderen Krankheiten plötzlich bedeutungslos geworden.

             Sie hörte das nervende Geräusch von Metall, das sich an Beton reibt. Der Kapitän musste es auch gehört haben, aber er drosselte nicht einmal seinen illegalen Dieselmotor. War er einfach nur gleichgültig oder wieder mal zu von irgendwelchem Vega-Stoff? Wen kümmerte es - sie hatte für die Überfahrt bezahlt, und er hatte sie ans Ziel gebracht.

            Plötzlich drehte er sich zu ihr um, und zum ersten und letzten Mal sah Skadi sein Gesicht, sah in ausgewaschene, fahle Augen. Sie schauderte, obwohl ihr nicht kalt war.

            Nichts wie weg.

            Blind tastete sie nach ihrem Rucksack mit der wasserdicht verpackten Schlafrolle und sprang an Land. Europa unter ihren Füßen, schwankend wie das krängende Boot. Ein wirklich irres Gefühl.

             Skadi war in einem der vielen Slums von Longyearbyen aufgewachsen. Ihre Eltern hatten noch off-shore auf den Plattformen vor Franz-Josef-Land gearbeitet, bis sie das Embargo kalt erwischte. Was genau damals abgelaufen war, hatten sie da unten nie so richtig mitgekriegt. Sie hatten genug damit zu schaffen, sich die ganzen Kommissionen vom Hals zu halten, die sie wieder zurückschicken wollten. Wohin zurück eigentlich? Während der darauf folgenden Unruhen hatte sie ihre Eltern verloren. Nicht, dass sie ihre Leichen gesehen hätte – sie verschwanden einfach. Die Multis ließen eine Menge Leute verschwinden, damals. Personal, das auf den Plattformen den Mund zu weit aufgemacht hatte, Streikposten, Greenpeace-Aktivisten.

             Und nun war sie endlich hier, freiwillig und illegal. Die größte Party des Jahrhunderts – und sie war dabei. Auf den Inseln hatte sie noch versucht, eines der alten Hovercrafts nach Amsterdam zu kriegen. Nie vergaß sie den Ausdruck auf dem Gesicht des Reiseagenten, und sein Gelächter. Da musste er doch einer dummen ’skimo-Tussi verklickern, dass keine Hovers mehr nach Amsterdam fuhren, weil es Amsterdam nicht mehr gab. Da war nur noch ’n Haufen Wasser und giftiger Schlamm – Industrierückstände nannten sie es da unten.

             Wenn sie ’skimo zu ihr sagten, meinten sie das alles andere als freundlich, diese Insulaner. Doch sie konnten sie damit nicht beleidigen. Ihre Urgroßmutter war eine echte Eskimo gewesen, warum sollte sie gekränkt sein, wenn sie sie an ihre Vorfahren erinnerten?

            Die Flut hatte die Stadt geholt. Wenn sie von der Flut sprachen, klang es immer so, als hätte es nur diese eine gegeben. Dabei gab es Jahrzehnte voller Warnungen und gebrochener Deiche.

             Klimakatastrophe – auch so ein Wort. Die Europäer waren schon immer gut im Vergeben von Namen gewesen. So als würde ein Name alleine schon genügen, um die Gefahr zu bannen. Ozonloch, ökologischer Kollaps, radioaktive Verseuchung – noch mehr Worte. Und sie hatten ein einfaches Mittel dagegen gehabt: Vorsorge, Entsorgung und Endlager. Worte gegen Worte und übrig blieb nur ein Wort, das schlimmste: die Krankheit. Doch der ganze Planet war krank, und genauso wie man ein brandiges Glied amputierte, ließ man ganze Kontinente zurück.

             Hinter ihr fuhr der Kutter wieder zurück in Richtung der Inseln. Sie kniff die Augen zusammen und sah die Heckleuchten erst kleiner werden und dann ganz erlöschen. Anscheinend kreuzte die Küstenwache selbst in dieser verlassenen Gegend oder der Skipper hatte Angst vor Piraten – sie hatte ihn nie nach seiner Fracht gefragt oder warum er sie so bereitwillig an Bord ließ –, aber vielleicht war er auch nur von dem ganzen Stoff, den er sich ständig einpfiff, paranoid geworden. So was geht schnell. Zu Hause kannten sie genug Drogen, um die jahrelange Nacht noch undurchdringlicher zu machen, dazu brauchen sie nicht mal dieses Alien-Zeugs.

             Sie schulterte ihren Rucksack und schaltete ihre Sturmlampe ein. Niemand sollte sagen, dass Skadi Gunnarsdottir sich nicht gut vorbereitet hatte für ihren Ausflug ans Ende der Welt.

            Noch sieben Stunden bis zum Neuen Jahr, und sie wusste noch nicht mal, wo die Party steigen sollte. Die Gegend sah verlassen aus. Hier sollten Menschen leben?

            Schmutziges Wasser, mit Plastikflaschen und halb geöffneten Müllsäcken bedeckt, schwappte träge gegen poröse Betonpfeiler. Eine Brücke, ein Poller? Hier sollte vor Ewigkeiten einmal der Hafen der Stadt gewesen sein, hatte der Kapitän gesagt. Er schien sich hier auszukennen, oder warum sonst redete er plötzlich in ganzen Sätzen zu ihr? "Bin hier oft auf Landgang gewesen. Mann, haben wir damals die Puppen tanzen lassen."

             Hamburg, warum musste es ausgerechnet Hamburg sein? Zufall, wie so vieles im Leben. Vorherbestimmt, wie so vieles im Leben. Das Licht ihrer Sturmlampe spiegelte sich in den Altöllachen wie in den toten Augen eines Fisches. Öl und tote Fische mit Geschwüren und verkrüppelten Kiemen, das kannten sie in Longyearbyen.

             Die Flut stieg, saugte an ihren Stiefeln, wollte sie mit der gleichen Nachlässigkeit verschlingen wie damals, als sie die Plattformen vor Spitzbergen begrub und mit ihr viele ihrer Freunde. Doch damals hatte die Flut einen Verbündeten gehabt – Sprengstoff. Es waren Öko-Terroristen, so lautete die offizielle Erklärung der Gesellschaft. Damals hatte Skadi ihnen geglaubt, doch damals lebten ihre Eltern auch noch.

            Heute war sie nur eine Durchreisende, ihr Ziel war die Stadt. Sie hatte noch nie eine richtige Stadt gesehen, nur eine Ansammlung von Containern und Wellblechbaracken, wie sie sie von daheim kannte. Auf einer der Inseln hatte es früher eine richtige Mega-City gegeben. London. Doch London zählte nicht mehr. Vor dem großen Brand, der die Aufstände beendete, der alles beendete, ja, da wäre London der richtige Ort zum Feiern gewesen. Jetzt war die Stadt ein einziges Ruinenfeld, der Welt größter Horror-Themenpark.

            Sie fand die Stufen, abgesplitterte Fragmente, wie die Zähne eines alten Polarbären, die Letzten ihrer Art, rostig und lückenhaft. Vorsichtig ertastete sie sich den Weg nach oben. Holzbohlen, morsch und verschimmelt, nur von einer Eisschicht zusammengehalten, wie es ihr schien. Einer dünnen Eisschicht und rostigen Schienen, die sich wie Vorläufer der Großen Welle in die Dunkelheit schlängelten.

             Langsam drang sie in den Tunnel ein. Das Licht ihrer Sturmlampe flackerte über die Wände, streifte seltsame Bilder und Symbole. Sie erkannte einzelne Wörter, die seltsame Sätze ergaben, wenn man sie laut aussprach: "Tot der Cid" und "Tot den Poliks" und "Tot den Virfings".

             Der Geruch eines offenen Feuers, gedämpfte Stimmen, Lachen und laute Flüche in einer fremden Sprache. Sie schob sich die Schneebrille aus dem Gesicht, dämpfte den Lichtschein der Sturmlampe und lief auf die Laute zu – wohin hätte sie auch sonst gehen können?

            Plötzlich verstummten die Stimmen, sie hatten sie gehört. Sie drehte das Licht ganz aus und lauschte mit angehaltenem Atem in die Dunkelheit. Nichts, nur das Rauschen ihres Blutes in den Ohren. Auf weichen Schneestiefeln schlich sie auf den Feuerschein zu.

             "Chi ist da?"

             "Shut up, stupido!"

             "Het brok dich niet verstecken."

             Die Stimme schlug jetzt eine andere Tonart an. Hatten sie gemerkt, dass sie allein war? Was soll’s – sie waren so oder so in der Überzahl, warum also wegrennen. Skadi drehte die Sturmlampe wieder hoch und ging forsch auf die Stimmen zu.

             Sie waren wohl die merkwürdigste Gruppe, die sie jemals um ein Feuer hatte sitzen sehen. Höflich richtete sie zuerst den Lichtschein auf ihr Gesicht und stellte sich vor: "Skadi Gunnarsdottir."

             "’ne ’skimo-Tussi."

             Ein hohes Kichern drang aus einem Berg Kleider. Ein Mutant, war ihr erster Gedanke, dann sah sie, dass die Person nur durch die vielen bunten Decken so unförmig wirkte. Das Gesicht schien von einer Maske verdeckt zu sein. Eine Hand zuckte vor und klatschte auf den Hinterkopf des Sprechers.

             "Vorlauter Bengel." Eine uralte Frau, auf dem schrumpeligen Mumienkopf einen grellbunten Hut, sah sie lauernd an. "Is l’aqua schon da?"

             "Laka?", wiederholte sie verständnislos. Sie hatte das dumme Gefühl in eine Gruppe Irrer geraten zu sein.

            "Sie will wissen, ob das Wasser schon da ist", übersetzte der, der sie Eskimotussi genannt hatte. "Die Flut", erläuterte er mit aufreizend deutlicher Aussprache, als sie ihn nur stumm anguckte.

            Sie schüttelte den Kopf.

             "La Siñorina spreken niet Eurisch?"

            Skadi schüttelte wieder den Kopf. Vielleicht waren sie doch nicht verrückt. Schließlich war sie hier die Fremde.

             Daheim, sie meinte die bemoosten Felsen, die sie Zuhause nannte, hatten sie sie vor den Europäern gewarnt. "Kannst mir glauben, Skadi, die haben von all dem Alien-Zeugs, das sie sich ständig reinpfeifen, völlig aufgeweichte Hirne." Sie musste Palle ziemlich perplex angeguckt haben, denn er setzte noch einen drauf: "Sind völlig eingeschrumpft, wie Jakobsmuscheln, brr!" Palle war ’n halber Europäer, also wusste er, wovon er sprach. Allerdings hatte sie den Verdacht, dass er ihr einiges verschwiegen hatte. Eurisch, das musste so eine Mischsprache sein wie ihr Icespeak.

            "Wer seid ihr?" Die Neugierde hatte über die Höflichkeit gesiegt.

            "Rojalspiertater-Truppe." Der Junge warf sich in die Brust. "Hast sicher schon von uns gehört?"

            "Klar, wer nicht." Diesmal wollte sie nicht wieder als die dumme ’skimo-Tussi dastehen.

            Die unförmige Gestalt hob den Kopf und der Schein des Feuers beleuchtete die unheimliche Maske: eine groteske rote Kugel mit Löchern für die Augen und einem klaffenden, grinsenden Mundschlitz. Das Gesicht hinter der Maske stieß gutturale Laute aus, wühlte sich wie eine Chrysalis aus ihrem Kokon und wuchs zu bedrohlicher Höhe an. Das Grunzen formte sich zu Worten, die von den Tunnelwänden zurückprallten und sie wie Schläge trafen.

            "Sein oder nicht sein, und der Regen wird siebzig Tage herunterkommen auf die Sünder und ihre Gesichter mit Schmalzkringeln bedecken."

            Irre, sie hatte doch Recht gehabt, Palle hatte Recht. Dieser Ort war von Jenseitigen bewohnt. Voll Panik griff Skadi nach ihrem Rucksack und stürzte in die Dunkelheit vor ihr.

            Echogelächter, verzerrt wie die Schatten hinter ihr, verfolgte sie. Sie stolperte vorwärts. Erst als das Pochen ihres Herzens lauter als das Gelächter wurde, stockte sie. War dies das Abenteuer? Hatte sie dafür alles hinter sich gelassen? Skadi rutschte an der unverputzten Wand nach unten und kramte einen Streifen Dörrfisch, mehrere Planktonkekse und Algenpaste aus ihrem Proviantpaket. Systematisch kaute und schluckte sie die trockene Nahrung. Sie merkte, wie sie der vertraute, salzig-fischige Geschmack sentimental werden ließ.

            Daheim begannen sie wohl inzwischen mit den Vorbereitungen für die große Feier. Eine Dekade wurde verabschiedet und Lasse übte seine Rede, und damit die Worte schön rund klangen, ölte er seine Kehle mit Halma Halmasdottirs Selbstgebranntem. Lasse war ihr Sysselman, zumindest nannten ihn alle so. Fremde hätten ihn vermutlich einen alten Säufer geheißen. Aber Fremde verirrten sich noch seltener nach Longyearbyen als die Sonne im Dezember. Und auch sonst schien die Sonne so gut wie nie. Seit vielen Jahren verdunkelten die brennenden Kohleminen den Himmel und schwärzten den Schnee.

            Spitzbergen, so hatten die ersten Europäer die Inseln im Polarmeer genannt. Dabei waren weit und breit nur Tafelberge zu sehen. Ein weiterer von vielen Beweisen, dass die Europäer schon immer etwas wirr im Kopf gewesen sind, meinte Palle. Palle hatte auch ’ne Menge Inuit-Blut in seinen Adern, es hieß, seine alte Großmutter hätte ihn mit Robbenblut großgezogen, nachdem seine Mutter an der Krankheit gestorben war. Sie liebten solche Geschichten, schufen sich gerne ihre eigenen Legenden da oben.

      Der Regen war inzwischen in Schneeregen übergegangen, und der Wind war zu dröhnendem Sturm geworden. Skadi zögerte, wieder in die Kälte hinauszutreten. Dumpf klangen die seltsamen Worte der alten Frau in ihrem Kopf nach wie die Sturmwarnglocken der Heimat. Schmalzkringel – Skadi versuchte, Sinn in die Prophezeiung zu bringen. Sie wusste nicht, dass Prophezeiungen nie einen Sinn ergeben. Daheim, wenn Åsgård die Runen-Knochen auswarf, schien alles so klar. Hatte sie nicht auch diese Reise vorhergesehen?

            "Willst du fliegen, Mensch-Frau?"

            Seine hochbeinige Silhouette verschmolz perfekt mit der Nacht. Unversehens griff eine vierfingrige Hand aus dem Schatten nach ihrer Jacke. Ein Veganer. Sicher, sie hatte von ihnen gehört – wer nicht? Die Bilder der Invasion – jetzt nannten sie es nur noch die Ankunft – waren vor dem Zusammenbruch über das Netz zu ihnen gelangt. Doch seine Anwesenheit, so nah und so fremd, verschlug ihr den Atem. Sie versuchte, sich aus seinem Griff zu winden, ohne seine matt glänzende Haut zu berühren, fuchtelte mit den Armen, als wollte sie einen vorwitzigen Welpen verscheuchen, und machte kleine, sinnlose "Kusch, Kusch"-Geräusche. Aber Dealer bleibt Dealer, er packte nur fester zu und hielt ihr eine kleine Phiole vors Gesicht, brach geschickt den Verschluss ab und schwenkte sie unter ihrer Nase hin und her. Die Droge aus einer anderen Welt – auch davon hatte sie gehört.

            Skadi versuchte, die Luft anzuhalten – die Zeit fror ein, sie hörte ein lautes Knirschen, fern aus der Vergangenheit, das zerberstende Glas der Phiole, laut und bedrohlich wie ein kalbender Eisberg. Dunkelheit, unendlich fremd, schlug über ihr zusammen, und weit entfernt schrie eine Stimme um Hilfe, voll wissender Verzweiflung, dass niemand da war, um sie zu hören. Einsamkeit erstickte sie wie ein alter, stinkender Mantel und irgendwo in den Taschen lauerte süßer, tödlicher Wahnsinn. [...]

     

Die rasende Johanna

            Es geschah ganz unmerklich. Irgendwie hatte das sinkende Bruttosozialprodukt damit zu tun, so genannte gute Beziehungen waren allerdings auch schuld. Es wurde immer schwieriger, Gesetzesvorlagen zum Flut-Schutz durchzubringen, und ein kleines Land wie Holland hatte nur geringes Mitspracherecht in der EU. Seit einigen Jahren galt da, was bissige Wirtschafts-Journalisten "das Faustrecht der Prärie" nannten. Nachdem die Nordseeküste mit schöner Regelmäßigkeit von den Herbst-, Winter- und Frühjahrsstürmen heimgesucht wurde, hofften die Anrainerstaaten auf Zuschüsse der EU. Stattdessen wurde die Idee einer Gruppe experimentierfreudiger Wissenschaftler erneut auf die Tagesordnung gesetzt. Da der Leidensdruck der Niederländer am größten war, sollten sie es sein, die als Erste in den zweifelhaften Genuss des Projektes "Steel-Sand" kamen. Was die innovativen Wissenschaftler mit guten Beziehungen zur damaligen Regierung nicht bedachten, war die Verseuchung des Bodens und des Grundwassers durch emsige Tulpen- und Tomatenanbauer. Die Dünger- und Pestizidrückstände gingen eine interessante Verbindung mit den Bakterien von Projekt "Steel-Sand" ein, und der zunächst erfolgreich "aufgeschäumte" Sand fiel wie ein Soufflé zusammen. Das Ergebnis konnten rund dreihunderttausend Hochwa sser-Touristen bei der nächsten Sturmflut bewundern. Es war das Letzte, was sie in ihrem Leben sehen sollten. Der Name des Sturmes, der die Flut auslöste, war Johanna gewesen. Doch es kamen neue Touristen, im Winter, als das Wasser zu Eis wurde und ganz Holland eine gigantische Eisbahn. Mit Speedslidern rasten sie um die Wette, und es gab in jeder Woche mehr Tote als früher zur Urlaubszeit auf Deutschlands Autobahnen. [...]

     

Beam mich hoch, Scotty

            Das Erste, was in sein Bewusstsein drang, war die kühle Feuchtigkeit zwischen seinen Schultern. Zuerst glaubte Blue, es sei der Luftzug der Klimaanlage, dann bemerkte er, dass er schwitzte. Es war ungesunder Schweiß, er ließ alle Energie aus seinem Körper strömen.

            Der Traum, er hatte wieder diesen Traum gehabt, einen Traum, der immer wiederkehrte und jedes Mal diese Leere in seinem Kopf zurückließ. An jenen seltenen Tagen, an denen er einigermaßen klar war, dachte er, dass dieser Traum und die damit verbundene Leere eine Metapher für sein jetziges Leben sei. Zum Glück kamen diese drogenfreien Tage nicht oft vor, und meistens hielt er den Traum und sein körperliches Schwächegefühl für die Folgen des Entzugs. Doch gegen dieses Gefühl gab es ein einfaches und immer griffbereites Mittel, und das gleiche Mittel verhinderte auch, dass er über die andere Seite des Traumes nachdachte.

            Tonia schnarchte, er konnte nur ihre schwarzen Locken sehen, die die Kissen und ihr Gesicht bedeckten. Er wusste, ihr Mund würde halb geöffnet sein, er versuchte sich vorzustellen, dass sie irgendwie unschuldig aussah, wie ein kleines Mädchen, aber das Bild wurde unscharf, die Ränder zerflossen vor seinem inneren Auge und er gab auf.

            Sie war stoned und, wenn er Glück hatte, für diese Nacht befriedigt. Sie war gleichzeitig prüde und unersättlich und sie hatte ihn gekauft.

            "Blue erledigt seine Auftritte immer mit vollem Körpereinsatz." Lachende Stimmen, spöttisch und neidisch zugleich - die Mitglieder seiner Band.

            Es dauerte eine Weile, bis er die Schüsse hörte. Drogen, solange er es noch kontrollieren konnte - "lass die Finger von diesem Alien-Zeug". Pierce. Gedankenfetzen, die eine Geschichte ergaben, deren Ende er nicht kennen wollte. Wieder Schüsse, Geschrei, sein Instinkt überwand die Kokslethargie und er rollte sich vom Bett. Wieder Schüsse, dann Schreie - Stille. Unsicher verharrte er, halb sitzend, halb liegend. Ein Summen war in seinem Kopf, das Summen der Stille. Er kroch wieder auf das breite Bett. Koksparanoia. Lässt einen Dinge hören, Dinge sehen, die nicht da sind, Dinge, die sich aus dem Drogenuniversum in die reale Welt materialisieren wollen.

            "Beam mich hoch, Scotty." Er lachte leise und dann, gerade als es im Haus wieder laut wurde, schlief er ein. Bis ihn ein weiterer Alptraum in die reale Welt zurückkatapultieren würde.

            Er sah es kommen. Kaum standen sie auf der Bühne, spürte er sie. Es waren diese unterschwelligen Schwingungen, die er nur zu gut zu deuten gelernt hatte. Blue stand isoliert in der Lichtinsel des Punktscheinwerfers - Jeans, weißes T-Shirt und schwarze Lederjacke, das berühmte Loner-Outfit. Und sang mit diesem verlorenen Gesichtsausdruck, der keine Masche war, die Eröffnungsnummer: "Running Wild" - das Mantra der Bladerunner.

            Tonia Sakamoto war auch da. Den Backstagepass wie eine Trophäe an einem der zahlreichen Reißverschlüsse ihres Latex-Overalls befestigt. Sie sah aus wie der teuerste Fick in der Stadt. "Und du bekommst mich ganz umsonst", sagte ihr Körper, als sie seine Blicke bemerkte. Blue tänzelte zur anderen Seite der kleinen Bühne, es war Zeit für Shells Solo. Auch er hatte Tonia gesehen - wer hätte es nicht - und spielte nur für sie. Toto bleckte die Zähne zu einem Grinsen und schlenderte zu Blue.

            "Wer ist sie?"

      "Sakamoto, die Firma, die unseren Vertrag gekauft hat."

      "Scheiße."

      Blue ging zum Mikro und sang:

      "Don’t leave me tonight

      don’t leave our love behind,

      lie to me, darling, but please don’t go.

      Wrap yourself around me,

      velvet shadow, hold me tight"

      - die Schlusszeilen ihres ersten Hits. Pierce hatte den Text mit ihm zusammen geschrieben. Shells Stratocaster dehnte das "hold me tight" zu einem kreischenden Aufschrei nach Liebe in Cmaj7 und E-Dur. Es war immer noch ein verdammt starker Song, nach all den Jahren. Warum nur, Pierce - warum musstest du immer den ganzen Weg gehen, dich für immer in die samtschwarzen Schatten einwickeln?

      Der erste Set war zu Ende. Früher wären sie jetzt hinter die Bühne, in ihre Garderobe gegangen. Doch früher gab es auch noch Roadies, die auf das Equipment aufpassten. Früher hatten sie auch das Digital Sound System von Sony und einen Power-Mac 20100 zum Lichtmischen und einen Drummer, keine billige Maschine, die den Sound versaute. Früher, da hatten sie Erfolg - und ihr Drummer hieß Pierce.

      "- und hat sie auch die Band gekauft, Blue, und du hast vergessen, es uns zu erzählen?" Toto zeigte mit dem Kinn auf die Frau.

      "Ja, sag an, Mann, hat sie?" Shell leckte sich die Lippen, ohne den Blick von Tonia Sakamoto abzuwenden. Sie erwiderte gleichgültig seinen Blick, drehte sich dann um und verließ mit ihren drei Bodyguards den Saal.

      Blue zuckte die Schultern, er sah, wie sich eine schmale Gestalt hinten im Saal vom Mischpult löste. Jaki, Shells Mädchen und die Ton- und Lichtfrau der Runners, drängte sich durch die Menge und kletterte auf die Bühne.

      "Bad Vibrations, Mann, da draußen gibt’s jede Menge bad Vibrations." Sie klang atemlos und knetete nervös ihre Rasta-Zöpfe.

      "Weiß ich." Jetzt konnte er fast nach ihnen greifen, aggressive Schwingungen, die wie eine stumme Drohung im Saal hingen. Sollte er den Gig abbrechen? Dann saßen sie nicht nur ohne Geld fest, sondern wurden obendrein vertragsbrüchig. Keine gute Basis, um den Tourbus wiederzukriegen.

      Er wartete, bis Jaki wieder hinter ihrem Pult stand, gab der Band Zeichen und zählte die erste Nummer ihres zweiten Sets an: "Heartbreak Hotel", ein Zugeständnis an die vielen King-Kulter im Publikum.

      Sie kamen durch die Küche herein. Blue ahnte ihre Anwesenheit mehr, als dass er sie durch die Lichtschranke der Scheinwerfer sehen konnte - Neo-Punks, sechs oder sieben. Einer sprang auf die Bühne und stürzte sich auf ihn. Erst als die magere Gestalt, in Kunstleder und Metallfolie geschweißt, ihren Körper an seinem rieb, merkte er, dass es sich um ein Mädchen handelte. Als er sie von sich schob, schien er damit ein Signal gegeben zu haben. Übergangslos vermischten sich King-Kulter und Neo-Punks zu einer Explosion von Körpern, Eisenketten, Geschrei und Blut.

      Und dann, plötzlich geeint, erkannten sie ihr Feindbild und sprangen auf die Bühne. Ein Springerstiefel malmte sich durch die Membrane des Fender-Amps. Der Drum-Computer flog wie ein Ufo durch den Saal und bohrte sich in das Mischpult. Für einen kurzen Moment empfand Blue bei dem Anblick Genugtuung. Der Gestank von verschmorendem Gummi mischte sich mit den Sklak-Dämpfen, die aus den Klamotten der Neo-Punks aufstiegen. Die veraltete Berieselungsanlage des Clubs schaltete sich ein und ruinierte, was die Schläger von dem Equipment der Band übrig gelassen hatten.

      Shell war irgendwo im Saal unterwegs, um Jaki rauszuhauen. Blue sah, wie Toto seinen Bass wie eine Keule schwang und sich rückwärts zum Bühnenausgang bewegte. Er wollte ihm folgen, als das magere Groupie kreischend auf ihn losging. Ihre Augen waren wie zwei weiße Billardkugeln, ausgeblichen von hoch dosiertem Sklak, ihre Hände mit Stahl-Spikes auf den Fingerspitzen zuckten vor. Er tauchte unter ihnen weg, direkt zwischen die Beine eines fetten King-Kulters, der ihm seine Gitarre aus den Händen kickte. Auf Knien rutschte er über die Bühne, und für einen irren Augenblick wollte er sich auf die Gibson werfen, sie mit seinem Körper decken. Diese sinnlose Geste schien ihm um so vieles wichtiger, als seine Hände oder sein Gesicht zu schützen.

      Hinten im Saal war es ruhig. Den Leuten gefiel die Show. Heute konnten sie sehen, wie ein gefallenes Idol Prügel bezog. Der Punktscheinwerfer war immer noch auf ihn gerichtet. Blue fühlte sich auf eine alberne Art heroisch und wusste, gleich würde er etwas Dummes tun. Doch er kam nie dazu, seine Faust in die johlende Fresse des Neo-Punks zu rammen.

 

 

Willkommen zum Weltuntergang

      Der Schneeregen war wieder mit Eis gemischt. Skadi kniff die Augen zusammen und versuchte, den Jungen in der Dunkelheit auszumachen. Sie fühlte sich leicht benommen und setzte ihre Füße mechanisch einen vor den anderen. Dieses Europa war so ein seltsamer Ort, wie hatte sie nur jemals glauben können, hier allein zurechtzukommen? Zu Hause sagten sie immer, wer einen Winter bei uns durchsteht, überlebt alles. Doch allmählich begann sie zu zweifeln. War Palle wirklich so welterfahren wie er sich gerne gab? Und machten einen die Slums von Longyearbyen wirklich straßenschlau? Sicher, in ihrem rechten Stiefelschaft trug sie ein Messer, und sie würde nicht davor zurückscheuen, es auch zu benutzen. Dennoch war sie, kaum dass sie am Ziel ihrer Reise angekommen war, in den größten Schlamassel geraten und ausgerechnet ein halbwüchsiger Junge hatte ihr herausgeholfen. Doch niemand sollte sagen, Skadi Gunnarsdottir wüsste nicht, was eine Verpflichtung war.

      Der Junge war vorausgelaufen und sah sich jetzt ungeduldig nach ihr um. Er schlenkerte mit der komischen Tasche, schwang sie um sich herum und atmete nicht einmal schwer. Vermutlich war er an die verseuchte Luft gewöhnt.

      "He, warte!" Keuchend holte sie ihn ein. "Wo ist denn die Party?"

      "Na, da." Er zeigte in die Dunkelheit und schien überhaupt nicht überrascht, dass sie nach der Party fragte.

      Skadi fiel auf, dass das Dunkel irgendwie kompakt war. Vor ihr ragte ein schwarzer Gebäudekomplex auf. Sie legte den Kopf in den Nacken. War dies ein Monument, ein Symbol? Sie konnte keine Fenster sehen. Die schmale Gestalt vor ihr wurde plötzlich von der Schwärze verschluckt, und Skadi beeilte sich, ihr zu folgen. Sie befand sich in einem Gang, vor ihr flackernde Lichter, grün, blau und weiß. Als sie auf die Lichter zustolperte, hörte sie den seltsamen Gesang.

      Strob-Blitze huschten über die Decke, brachen sich an den Ecken und Säulen, rasten hektisch die hohen Wände hinauf und strichen wie Leuchtturmfinger über den Betonboden. Der Gesang war verstummt. Schwarz gekleidete Gestalten bewegten sich zuckend zu einem lautlosen Rhythmus. Nur das Schlurfen ihrer schweren Stiefel war zu hören. Plötzlich öffneten sich die Münder in den weiß geschminkten Gesichtern.

      "Der King is dett bat not vor gatten", intonierten sie.

      "Wow, was ist das denn?" Skadi war fasziniert.

      "Neo-Punks, was denn sonst." Der Junge zuckte gleichmütig die Schultern, winkte ihr und arbeitete sich zu einer improvisierten Bar durch. "Hier, trink das, ist echte Cola."

      Skadi schaute sich neugierig um und sah direkt in die schiefergrauen Augen eines unglaublich gelangweilt und gut aussehenden Europäers. Um die Dramatik des Augenblicks zu unterstreichen, schlug eine unsichtbare Uhr zwölf Mal. Skadi beschloss, dass sie Europäer wahnsinnig faszinierend fand.

      "Ist das nicht großartig?" Skadi strahlte ihr Gegenüber an. "Wieder beginnt ein neues Jahr und alles ist möglich."

      "Was soll denn daran so großartig sein?" Der Europäer starrte zurück, als hätte sie etwas besonders Ekliges auf ihrer Nase sitzen.

      "Na, eben alles!" Begriff denn hier niemand, wie wichtig das alles war? Jetzt war Europa wieder dran, mit Kultur und Fortschritt und allem, was noch so dazugehörte. Nordamerika, Asien und der Rest der Welt hatten es zweihundert Jahre lang versucht, und alle konnten schließlich sehen, was daraus geworden war.

      "Wir brauchen eine Neue Bewegung!" Skadi fand, dass sie es ziemlich gut auf den Punkt gebracht hatte.

      "Hundert Krediteinheiten", sagte der Europäer und es klang fast widerwillig. "Willst du es gleich hier?"

      Skadi grübelte, ob er ihr Drogen oder seinen Körper verkaufen wollte, als von draußen plötzlich ein unbeschreiblicher Lärm hereindrang. Der Junge knuffte sie auffordernd.

      "Komm, ’skimo, verschwinden wir!"

      Sie trank aus. Dieses Cola-Zeug - da könnte sie sich vielleicht dran gewöhnen - und folgte dem Jungen nach draußen.

      "He, willst du nun oder nicht?", rief der Europäer.

      Skadi warf ihm einen letzten bedauernden Blick zu - er sah wirklich umwerfend aus. Und dann verschwand er aus ihrem Blickfeld und sie wurden von der nachdrängenden Menge in die Nacht geschwemmt.

      Ein heftiger Sturm war aufgekommen. Kanonenschläge und Sirenen dröhnten, Rauchschwaden verdunkelten die Suchscheinwerfer. Brandgeruch überdeckte den Abfall- und Fäkaliengestank. Menschen hasteten vorbei, die Gesichter vor Erregung verzerrt. Skadi hatte diesen Ausdruck schon oft gesehen: Angst, Sensationsgier und - nur hauchdünn von der Realität überdeckt - Irrsinn.

      "Sie schießen Hochwasser, es ist so weit."

      Zitternd drückte sich der Junge an sie. Sie legte ihm die Hand auf die Schulter, und er hockte sich zu ihren Füßen auf seine Tasche und ihren Rucksack, das Gesicht zwischen den Knien verborgen.

      Skadi merkte, wie die Erregung auch sie erfasste. Sie wollte mit der Menge rennen, wohin war ihr egal. Dies war der Untergang der letzten autonomen Küstenstadt - und sie war dabei.

      Plötzlich spürte sie zwei Hände, sie wanderten an ihrem Körper auf und ab. Er war es. Er stand hinter ihr, sein Atem in ihrem Ohr. Sie lehnte sich zurück und seine Hände krochen unter ihren Parka und tasteten sich bis zur ihrer Haut vor. Seine Handflächen waren heiß und seine Griffe waren geübt. Das war so viel besser, als durch die Dunkelheit zu rennen. Sie bog sich noch weiter zurück und nun strichen ihre Hände über seinen Körper, umfassten seinen Hintern. Er drehte sie herum und hob sie hoch. Sie umklammerte ihn mit ihren Schenkeln und dann drang er in sie ein, während Sirenen und Geschrei ihr Stöhnen übertönten und der Sturm sie nur noch dichter aneinander presste. Und als es vorbei war, schien es genau das Richtige gewesen zu sein - in dieser Nacht, nach der alles anders sein würde.

      "Genug Neue Bewegung, Süße", flüsterte er und grinste sie selbstzufrieden an. "Das nächste Mal bezahlst du."

      Sie wollte etwas sagen, doch ein schriller Schrei - wütend und entsetzt zugleich - schraubte sich über den Lärm. Skadi glitt zu Boden und setzte sich ziemlich unsanft hin. Daher sah sie es als Erste - eine Gruppe Vierfinger bildeten einen inneren Kreis und keckerten und zischten in ihrer putzigen Alien-Sprache. Es klang, als hätten sie eine Menge Spaß.

      Dann wich die Menge zur Seite und alle konnten es sehen - in einer Blutlache lag eine Ratte. Die Eingeweide hingen aus ihrem aufgeschlitzten Bauch und sie zuckte mit den Beinen.

      "Sie haben Sid ermordet", schrie die gleiche Stimme anklagend und hallte in der plötzlich eingesetzten Stille über den Platz.

      Die Außerirdischen bewegten sich unruhig und versuchten, sich durch die Menge abzusetzen. Wahrscheinlich wäre es ihnen auch gelungen, hätten sie nicht drohend gezischt und nach ihren Waffen gegriffen.

      Skadi vermutete, dass es Waffen waren. Bis vor kurzem hatte sie die Besucher nie als direkte Bedrohung empfunden. Für sie fügten sich die Vierfinger genauso ins Straßenbild ein wie die Wahrsager und fliegenden Händler. Ein exotischer Anblick, gewiss, aber dies war schließlich Europa, nicht? Erst die Begegnung mit dem rabiaten Dealer hatte sie vorsichtig werden lassen.

      Und dann geriet alles völlig außer Kontrolle. Eine johlende Gruppe Neo-Punks rannte den Vierfingern nach, bewaffnet mit Ketten und Eisenstangen. "Long liff Jonny Rotten", brüllten sie und stürzten sich auf die Außerirdischen. Skadi konnte in dem Knäuel aus Körpern nichts erkennen. Doch irgendwo unter ihnen war der Europäer mit den grauen Augen.

      "He, ’skimo, he, ’skimo." Beharrlich zerrte der Junge an ihrem Arm.

      Unwirsch schüttelte Skadi ihn ab. Würde das jetzt immer so sein? Sie hatte keine Brüder oder Schwestern, und sie hatte nie das Gefühl gehabt, dass ihrem Leben dadurch etwas fehlte. Ein quengelnder Halbwüchsiger war jedenfalls nicht ihr Erster-Wahl-Reisegefährte. Er schien immer dann "’skimo" zu schreien, wenn sie ihre Gedanken ordnen musste - und ihre Kleidung, gestand sich Skadi mit einem halben Lächeln ein. Was für eine verrückte Nacht.

      Dann löste sich die schreiende Gruppe auf. Abgerissene Gliedmaßen und leere Körperhüllen flogen durch die Luft. Eine zuckende Greifhand fiel Skadi direkt vor die Füße, trommelte einen abgehackten Beat in den Schlamm. Jemand bückte sich nach einem Ziegelstein und warf ihn auf die Käferkralle. Dieser Vierfinger würde keine zahmen Ratten mehr abmurksen, so viel stand fest. Langsam legte sich der Tumult. Bis auf eine Gruppe johlender Neo-Punks, die die Chitinpanzer über den Platz kickten. Und dann schien die Szene vor ihr einfach einzufrieren. Ihre Ohren knackten und sie merkte, dass der Luftdruck plötzlich gefallen war. Ein gigantischer Schatten fiel auf sie und sein Sog verschluckte jedes Licht, jedes Geräusch, sogar den Sturm. Die kompakte Schwärze wurde von lautlosen Helikoptern eskortiert. Natürlich machten die Motoren Lärm, aber er wurde von dem gleichen Phänomen aufgesogen wie alles andere. Dann war da noch etwas. Skadi fühlte es mehr, als dass sie es hörte - dieses dumpfe, rasende Dröhnen - allgegenwärtig und doch nicht fassbar, von hypnotischer Bedrohlichkeit. Ihre Ohren knackten und irgendetwas drückte ihr die Luft ab.

      Alle standen reglos, die Blicke nach oben gerichtet. Die Szene hätte aus einem Spielberg-Film stammen können. Nur kam von oben keine Erlösung. Es war der "Todesstern" und sie waren die unschuldigen Bürger von Alderan. Lautlos sank das Mutterschiff herab und gerade, als Skadi glaubte, dass es sie alle zermalmen würde, löste sich ein kleineres Segment ab und landete nur wenige hundert Meter entfernt. Eine Luke öffnete sich in der scheinbar fugenlosen Außenhaut des Schiffes, und wie Darth Vaders Sturmtruppen rannte eine Hundertschaft rostrot gepanzerter Aliens eine Rampe herunter. Bei ihrem Anblick begriff Skadi endlich, dass auf der Erde eine Invasion stattgefunden hatte, begriff es mit ihrem Herzen und nicht nur mit ihrem Verstand. Dies war Krieg - eine andere Art Krieg als damals gegen die Gesellschaft -, und in diesem Moment spürte sie es ganz deutlich: Diesmal musste sie sich entscheiden.

      Auf einmal geriet Bewegung in die Gruppe Neo-Punks - die eigenartige Lähmung wich kreischender Panik - und sie rannten zurück in das hohe Gebäude. Skadi wusste, das war ein Fehler, doch es gab nichts, was sie jetzt noch daran ändern konnte. Sie konnte nur hoffen, dass sie sich geirrt hatte.

      Hektisch zerrte der Junge wieder an ihrem Parka und zeigte auf den Eingang. "Komm doch, wir müssen da rein." Er weinte vor Wut und Panik. "Da drinnen können wir uns verstecken."

      "Da drinnen sitzen wir in der Falle." Sie zog den Jungen in den Mauerschatten. "Hoffen wir nur, dass sie uns nicht beachten."

      Zum Glück schien der Junge zu verstehen, denn er rührte sich nicht mehr. Gemeinsam versuchten sie, mit der Dunkelheit und der Mauer zu verschmelzen. Sie schienen recht erfolgreich damit zu sein - niemand beachtete sie.

      Die Vierfinger drangen in den Bunker ein, und sie hörte ein hohes Pfeifen, dann hörte sie die Schreie. Und dann nur noch Stille. Sie hätte nie gedacht, dass Stille so grauenvoll sein konnte.

      Nach einer Weile kamen die Aliens wieder heraus. Sie stießen komische kleine Laute aus, und schaudernd erkannte Skadi, dass sie lachten. Ohne einen Blick zurück kletterten sie wieder in ihren seltsamen Raumtransporter und wurden von dieser unglaublichen Schwärze über ihnen verschluckt, so als wären sie niemals da gewesen. Auch das dumpfe Dröhnen war verstummt, und die Geräusche der Nacht - die Sirenen, das Heulen des Sturmes, die Schüsse und das Knattern der Rotoren - waren wieder zu hören. Skadi fühlte sich benommen und schwindelig. Sie steckte ihre Finger in die Ohren, blies die Backen auf und redete sich ein, dass es half.

      Dem Jungen schien es richtig mies zu gehen. Skadi stieß ihn an, doch alles, was er hervorbrachte, war ein leises Wimmern. Nach einer Weile merkte sie, dass er anscheinend immer den gleichen Satz wiederholte. Sie beugte sich zu ihm und versuchte ihn zu verstehen.

      "Ich will nach Hause", weinte der Junge. "Und ich hab doch keins."

      "Mach dir nichts draus", sagte Skadi und wiegte ihn in den Armen, "ich auch nicht."

      "Aber was wolltest du denn überhaupt hier?" Er starrte sie mit aufgerissenen Augen an.

      "Spaß", sagte Skadi achselzuckend, obwohl dies bei weitem nicht die ganze Wahrheit war. "Wer hält schon vier Monate Dunkelheit aus?" Sie stand auf und zog den Jungen auf die Füße. "Komm, wir müssen wissen, was passiert ist."

      Und sie sollte es erfahren.

      Zuerst schien alles unverändert, die bunten Lichter und das Strob. Doch dann war da dieser Geruch. Skadi kannte ihn nur zu gut. Drei Jahre und unzählige Alpträume war es her, das Große Feuer auf Esso/Nordoil 3. Achthundertdreißig waren verbrannt. Achthundertdreißig Männer und Frauen aus Longyearbyen, Freunde und Verwandte. Wie könnte sie jemals diesen Geruch vergessen? Und mit der Erinnerung kamen die Gefühle zurück, und es waren die gleichen wie damals - Hilflosigkeit und Wut. Die Toten in dem Gebäude waren Fremde, aber machte das wirklich einen Unterschied? Sie hörte den Jungen. Er erbrach sich laut und keuchte angestrengt. Er hatte geglaubt, so taff zu sein, meinte, schon alles gesehen zu haben, und jetzt wollte er nur noch zurück - zurück zu einem Zuhause, das es schon längst nicht mehr gab.

      Langsam ging Skadi durch das verwinkelte Gebäude. Still zählte sie die Toten - es war ihre Art, nicht zu vergessen. Einer von ihnen war der Europäer. Er lag auf dem Rücken und aus seinen verbrannten Kleidern stieg immer noch Rauch auf. In seinen weit aufgerissenen Augen sah sie den Widerschein der Strobs. Es war so traurig - sie war auf einmal so unendlich traurig - und sie wusste nicht einmal seinen Namen.

      Doch die Nacht war noch nicht zu Ende.

      Garfield hatte gedacht, dass er all dies hinter sich gelassen hatte in jener Nacht - die Angst vor dem Verlassenwerden und die Panik, die ihn ergriff, als das Wasser seine Füße umspülte. Aber auf einmal war er wieder da, der kleine, furchtsame Junge im Garfield-Pyjama.

      "Los, beweg dich!" Jemand zerrte an seiner Hand. "Wir müssen nach oben. Komm schon, du dummer Junge."

      Skadi zog den widerstrebenden Garfield zu den eisernen Stufen, die sich endlos ins Dunkel der oberen Stockwerke erstreckten. Hinter ihnen schwemmte die Flut Unaussprechliches in die Räume. Keuchend zog sich das Mädchen die Stufen hoch, den Jungen vor sich her schiebend. Er schniefte leise vor sich hin, an einem Kloß aus Angst und Einsamkeit würgend. Skadi murmelte Beruhigendes, so als spräche sie zu einem Welpen, der zum ersten Mal über eine Eisscholle kroch. Schließlich gelangten sie an eine Klapptür. Sie stemmten sich mit dem Rücken dagegen. Die Klapptür öffnete sich, zäh wie Sirup gegen den Wind. Skadi und der Junge krochen auf das Dach, krallten sich mit den Fingernägeln in die poröse Dachpappe. Im Windschatten eines abgebrochenen Kamins hielt Skadi inne. Sie klinkte die Kletterleine an ihrem Rucksack aus und schnürte alles Bewegliche zusammen: sich selbst, den Jungen und seine alberne Tasche. Durch das Brummen des Sturmes versuchte sie ihn zu erreichen, flüsterte tröstende Worte in sein Ohr. Und irgendwann schliefen sie sogar ein.

      Die blecherne Stimme weckte sie. Sie krochen zum Rand des Vorsprungs und spähten in die Tiefe. Alles war grau. Der Himmel über ihnen und der Boden. Nein, es war nicht der Boden, sondern eine endlos scheinende Wasserfläche. Und irgendwo am Horizont begegneten sich die Graus.

      Ein einsames Boot glitt über das Wasser. Es hatte Segel gesetzt. Skadi kniff die Augen zusammen und versuchte die Schrift auf dem Segel zu entziffern. "ERWACHET".

      Die blecherne Stimme war eine Bandaufnahme. Immer und immer wieder schepperten die gleichen Phrasen zu ihnen herüber. "Apokalypse, Armageddon, Allmächiger" - lauter vollvokalige Worte, flach geklopft durch eine schlechte Lautsprecheranlage und den Nebel.

      Skadi schrie, bis sie heiser war. Doch die blecherne Stimme ignorierte sie. Gravitätisch glitt das Boot über das endlose Grau.

      Der Junge begann zu quängeln: "Ich will hier weg" und "Ich hab Durst". Es schien fast so, als hätte Skadis Anwesenheit ihn wieder zu dem gemacht, was er eigentlich war - ein Kind. Die Jahre des schnellen Erwachsenwerdens um des Überlebens willen waren vergessen.

      Was sollte sie nur mit ihm anfangen? Sie war doch selbst noch damit beschäftigt herauszufinden, was es mit dem Erwachsenwerden auf sich hatte. Daheim in Svalbard wurden die Kinder, wenn es um Fragen des Überlebens ging, sehr schnell erwachsen. Doch ihr Geist war immer noch wie ein Schwamm, der alles Neue aufsog.

      Quängelnd hatte der Junge ihren letzten Planktonkeks verdrückt. Er weigerte sich, das Dörrfleisch zu essen, nachdem sie ihm gesagt hatte, dass es Robbenfleisch war. Was hatte er denn erwartet? Als sie gegessen hatten, erzählten sie sich ihre Geschichte. Es war wie ein zaghaftes Sich-kennen-Lernen. Skadi erfuhr, dass er sich über Monate fast ausschließlich von Schokoriegeln ernährt hatte und wie er Tante Clara-Susanna Della Rosa und den reisenden Schauspielern begegnet war. Garfield wiederum lauschte kopfschüttelnd ihren Geschichten über Palle, Åsgård und die anderen Bewohner von Longyearbyen.

      Als am Nachmittag das diffuse Winterlicht verblasste und es so aussah, als würden sie noch eine weitere Nacht auf dem Dach festsitzen, trafen sie eine Übereinkunft - immer vorausgesetzt, es gelänge ihnen, sich aus ihrer derzeitigen Lage zu befreien. Erstens, bis auf weiteres als Team zusammenzubleiben, und zweitens, das nächste Ziel ihrer Reise den Zufall bestimmen zu lassen.

      Stunden später kam wieder ein Boot. Sie hörten es mehr, als dass sie es sahen. Es war ein Speedboat der Wasserpolizei. Es ankerte direkt vor dem Gebäude, Taucher sprangen ins Wasser und ließen sich in die Dreckbrühe sinken. Die ganze Aktion wurde von einem VID-Team aufgenommen. Skadi vermutete, dass sie von dem Angriff der Vierfinger gehört hatten und womöglich nach Überlebenden suchten. Nun, Überlebende sollten sie finden: einen heimatlosen Jungen namens Garfield und eine junge Frau aus Spitzbergen auf der Suche nach dem großen Abenteuer.

 

20 000 Meilen unter dem Meer

      Er rauchte noch einen Joint, den vorletzten, um die Entzugserscheinungen so weit abzuschwächen, dass er noch einen Tauchgang machen konnte.

      Unten, dort war seine Welt. Tauchen war seine Flucht, sein Zen und sein geheimer Ort. Seine Schatzinsel, 20 000 Meilen unter dem Meer.

      Das Korallenriff war mit dem Giftmüll und den Nuklearabfällen eines ehemaligen Boom-Staates eine tödliche Verbindung eingegangen. Milliarden Kleinstlebewesen, über Jahrzehnte unbekannten chemischen Prozessen ausgesetzt, mutierten über mehrere Generationen, um schließlich in die Nahrungskette aufgenommen zu werden.

      Pierce unterzog das abgestorbene Riff einer flüchtigen Untersuchung. Hier gab es nichts, was das Interesse der Vierfinger wecken konnte. Dennoch fühlte er sich seltsam von diesem Ort berührt. Es war die gleiche Faszination, die ihn vor den Balearen beim Anblick eines abgeschossenen Linienflugzeugs der "Air Marocco" ergriffen hatte. Die Maschine lag knapp dreihundert Meter unter Wasser, mit ihren sechshundert Passagieren - Flüchtlinge -, die immer noch auf ihren Sitzen angeschnallt waren. Er hatte längst vergessen, wovor sie geflohen waren - der ganze Planet schien sich seit einigen Jahren auf der Flucht zu befinden -, doch der Anblick der Leichen hatte Bilder von suggestiver Eindringlichkeit in sein Hirn gebrannt. Bilder, die so surreal waren, dass er sie manchmal seiner Einbildung zuschrieb.

      Langsam ließ er sich tiefer sinken und um das tote Riff treiben. Es war eine Welt, die der Phantasie eines irren Malers entsprungen sein konnte. Oder eines irren Musikers auf einem LSD-Trip, wie Pierce sich mit einem Lächeln eingestand. Zuerst hatte Blue ihn auf all seinen Reisen in den Inneren Raum begleitet, war sein gelehriger Schüler gewesen - sein kleiner Bruder, der so viel mehr Talent besaß. Er konnte ihn nicht mal mehr hassen, so ausgebrannt fühlte er sich. Manchmal, wenn die Ansätze eines Songs durch seinen Kopf huschten, fragte er sich, wo er wohl steckte. Vermutlich immer noch auf Tournee mit den Runners, einer Tournee, die niemals endete. Vielleicht hatte er ein Mal im Leben das Richtige getan, als er die Band verließ. Nein, vermutlich nicht. Blue h atte wenigstens ein Ziel und sei es nur der nächste schäbige Club, in der nächsten schäbigen Stadt.

      Und da sah er es. Es war wie ein teurer Science Fiction-Film, mit schlechten Special Effects. Die Welt der Kreaturen aus James Camerons "Abyss". Doch es war real.

      Es sah aus wie ein gigantischer Hut, ein Zauberhut, denn die Oberfläche der Kuppel schien alles Licht in sich aufzusaugen. Als sich seine Augen darauf eingestellt hatten, sah er jedoch durch das Schwarz. Zuerst fühlte er überhaupt nichts, doch dann wuchs ein unbeschreiblicher Zorn in ihm. Sie hatten ihm seine letzte Zuflucht geraubt. Den einzigen Ort auf dem ganzen verdammten Planeten, an den er noch hatte gehen können, ohne sich ständig zu erinnern.

      Als Kind hatte er in einem alten Science Fiction-Magazin einen hübsch illustrierten Artikel gelesen, die Menschheit auf dem Weg ins nächste Jahrtausend, überkuppelte Siedlungen auf dem Mond und auf dem Grund des Ozeans. Unermessliche Ressourcen, von mutigen Pionieren erschlossen. Und nun war es gebaut worden, von den verdammten Vierfingern, und niemand hatte es bemerkt. Nein, das stimmte nicht mehr. Er wusste davon, ein ausgebrannter, drogensüchtiger Musiker auf Schatzsuche.

      Im selben Moment, als der Gedanke Form annahm, überfiel ihn Panik. Er war Zeuge von etwas Ungeheuerlichem, was würden sie mit ihm anstellen, wenn sie ihn fanden? Pierce hatte die Bilder von dieser Stadt in Deutschland noch gut vor Augen, sie waren monatelang im Netz gewesen. Ein Schiff war durch einen Anschlag so beschädigt worden, dass die Aliens es aufgegeben hatten. Zur Vergeltung hatten sie eine mittlere Großstadt in der Nähe von Berlin eingeäschert.

      Es gab Augenblicke in seinem Leben, dem Leben nach den Runners, da hatte er ernsthaft überlegt, ob er sich einer dieser Untergrundbewegungen anschließen sollte. Aber mit steigendem Drogenkonsum war die Angelegenheit in Vergessenheit geraten. Außerdem war er immer ein Feigling gewesen. Oder weshalb sonst versteckte er sich auf einem alten SunCo-Boot und tauchte nach Militärschrott? Vielleicht, wenn er heil aus dieser Sache herauskam, sollte er noch mal darüber nachdenken. Und sei es nur, damit der Ozean wieder ihm gehörte, stellvertretend für die Menschheit des nächsten Jahrtausends, sozusagen.

      Pierce ließ sich treiben. Er wagte nicht mal zu paddeln, aus Angst, die Vierfinger würden etwas Ungewöhnliches auf ihrem Sonar, oder was sie sonst benutzten, entdecken. Für einen irren Moment sah er sogar winzige schwarz-silberne Bathyskaphs, die mit stecknadelkopfgroßen Torpedos auf ihn zielten, aus der schwarzen Kuppel auf sich zuschießen. Es war nur eine verstörte Schule Zebrafische. Schließlich erfasste ihn eine gnädige Strömung und trug ihn langsam zurück in den sicheren Schatten des Riffs. Er kauerte so lange unter den Felsen, bis sein Sauerstoff knapp wurde.

      Die Dekompression dauerte bis zum Nachmittag. Und zeitweilig schien es ihm, als sollte er die Sonne nie wieder sehen. "Das ist es doch, was du immer sein wolltest, ein Geschöpf der Nacht", sagte Blue. Pierce meinte so etwas wie Neid in der Stimme seines kleinen Bruders zu erkennen, weil er der Vampir sein konnte, voll dunklem Charisma und Macht. Blue wollte, dass den Leuten die Show der Runners gefiel und dass seine schwarze Gibson wie flüssiges Silber und Eiswasser klang. Pierce wollte den Ruhm und die Mädchen, und er wollte keine Grenzen.

      Blues Stimme war nicht die einzige, die während seines endlos scheinenden Aufstiegs zu ihm sprach. Da war Jaki, die "Es tut mir so Leid" sagte, und Shell, der ihn anbrüllte. Und dann war da wieder Blue. "Du musst alles zerstören, was gut ist." Das stimmte doch gar nicht, widersprach er hitzig, jeder wusste, dass die Runners am Ende waren. Ohne Platten-Deal konnte die Band doch einpacken. Er würde sein Talent jedenfalls nicht an abgegriffene Elvis-Nummern vergeuden. "Dann gehst du wohl am besten, viel Glück." Das waren die letzten Worte, die er von seinem Bruder hörte.

      Und nun sprach Blue wieder zu ihm. Fast war er bereit zu glauben, dass dieser Stimme eine tiefere Bedeutung innewohnte, dass es Vorsehung war und nicht der Sklak-Entzug. "Wir warten auf dich", sagte sein kleiner Bruder. "Wir brauchen dich bei den Runners, eine Rockband ohne Drummer taugt doch nichts." Und was ist mit eurem scheiß Drum-Computer? "Der ist abgehoben wie ein Ufo, schwusch, weg war er." Er hatte Blue noch nie so irre lachen hören. Und plötzlich wusste er: Sein Bruder war in Schwierigkeiten, und er rief ihn.

      Früher hatte oft diese Verbindung zwischen ihnen bestanden. Eine telepathische Telefonverbindung, hatte er es einmal scherzhaft genannt, zu verwundert über das Phänomen, um ernsthaft damit umzugehen. Seit drei Jahren hörte er die Stimme zu ersten Mal wieder. Und noch nie hatte er sich so hilflos gefühlt. Was konnte er schon für seinen Bruder tun?

      Die Sonne stand bereits über dem Horizont, als er neben seinem Boot auftauchte. Der Planktonschlepper war mit bloßem Auge kaum noch auszumachen. Er zog sich hoch auf die Tauchplattform und warf seine Ausrüstung aufs Deck. Er fühlte sich völlig ausgelaugt und wollte nur noch schlafen, doch etwas ließ ihn in seinen Ausguck klettern und das Fernglas in die Hände nehmen.

      Irgendetwas war da draußen, kam direkt aus dem Sonnenuntergang auf ihn zu. Pierce hatte das Gefühl, als würde er unversehens Zeuge eines mystischen Ereignisses, und das hatte nichts mit dem, was er auf dem Meeresgrund entdeckt hatte, den Stimmen in seinem Kopf oder dem Entzug zu tun. Aber es war der Beginn von etwas, daran bestand nicht der geringste Zweifel, auch wenn er keine Ahnung hatte, was es war. [...]

© Myra Çakan, Argument Verlag mit Ariadne
SF - Social Fantasies 2045, Deutsche Originalausgabe,
ca. 272 Seiten, br., 11,5 x 18,0 cm; ca. 17,80 DM

ISBN 3-88619-945-2

 

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