„Svalbard - 78 ° Nord/13 °Ost“ - Eine Reise ans Ende der Welt

„Zuerst kamen die Touristen nach Svalbard, dann die Bergwerks gesellschaf ten“, erzählt Arne Kristoffersen. Kristoffersen ist der Leiter des Wildlife Services und veranstaltet Touren in die Wildnis von Spitzbergen (Spitzbergen ist die größte Insel Svalbards). Früher hat er als Bergmann gearbeitet, eine typische Karriere für einen Svalbardian. Die „Touristen“, die im 18 Jahrhundert an der Kalten Küste - das bedeutet Svalbard in der Sprache der Wikinger - anlegten, waren reiche Abenteurer aus dem europäischen Adel. Man reiste bequem mit dem Schiff an und ver trat sich am Strand etwas die Beine. Ähnlich halten es die Touristen auf den Nordmeerkeuzfahrten noch heute - immerhin 20.000 pro Saison.
Aber Svalbard scheint kein Land für Seßhafte zu sein. Selbst die Bewohner der Hautstadt Longyearbyen befinden sich auf der Durchreise. Man kommt von „unten“, damit ist das norwegische Festland gemeint, arbei tet einige Jahre und kehrt wieder zurück. Alte, Kranke und Arbeitslose sind nicht eingeplant. Sogar die Kinder werden „unten“ geboren, obwohl Longyearbyen eine Klinik hat. Überhaupt ist die Infrastruktur des Ortes sehr gut. So gibt es iim Ort unter anderem ein Einkaufszentrum, ein Supermarkt mehrere Restaurants, drei Hotels, eine Jugendherberge, ein Kino , eine öffentliche Bücherei, Kindergarten, Schule und eine Universität mit Schwerpunkt Polargeologie, sowie eine gut ausgerüstete Feuerwehr und Polizei. Zweimal am Tag landen Flugzeuge mit Bedarfsgütern. Zu Weihnachten wurden sogar Tannenbäume eingflogen.
Mangelnde Seßhaftigkeit der Bevölkerung einerseits und gute Infrastruktur andererseits lassen sich mit Spitzbergens Vergangenheit als Kohlelieferant erklären. Noch vor rund zwanzig Jahren war Longyearbyen eine reine Bergarbeitersiedlung, zeitweise waren bis zu vier Mienen in der nähreren Umgebung in Betrieb. Alle Gebäude waren Eigentum der Gesellschaft, die auch die das Leben in der Stadt regulierte. Selbst die Art des Alkohol-Konsums: Bier für die Bergleute - 24 Flaschen por Kopf und Monat - und unbegrenzt Rotwein für die Angehörigen der Verwaltung - wurde von der Gesellschaft vorgegeben.
Erst als 1975 der Flughafen gebaut wurde, bildete sich allmählich eine Gemeinschaft, da die Bergleute ihre Familien, für die Dauer ihres Arbeitsvertrages, ins Land holten. Inzwischen wurden die Mienen um Longyearbyen geschlossen, und aus zwei ehemaligen Bergwerksunterkünfte wurden das Hotel Funken und das Nybyen Guesthouse. Wohnungseigentum gibt es in Longyearbyen nicht. Die Unterkünfte werden von den Arbeitgebern gestellt, und hinter denen steht immer auf die eine oder andere Art die Regierung. Privatwirtschaft ist erst seit Anfang der Neunziger zugelassen.
Über Berge und Gletscher, einige Stunden mit dem Schneemobil ent fernt, liegt die russische Mienensiedlung Barentsburg. Das in zwei Minen auf Svalbard noch Kohle gefödert wird, ist dann auch eine Art Flaggezeigen der norwegischen Regierung gegenüber den Russen, und nicht etwa ein loh nendes Geschäft. Sollte sich die Regierung aus Spitzbergen zurückziehen, könnte Longyearbyen vom Tourismus und Forschungsprojekten allein nicht leben, da mit dem Ende des Bergbaus auch die Infrastrukur zusammenbre chen würde.

Nach Longyearbyen, der nördlichsten ständigen Siedlung auf diesem Planeten, geht es via Oslo und Tromsø. Doch das Flugzeug kann in Oslo wegen Schneetreibens nicht landen und die anderthalb Stunden zum Transfer schmelzen auf fünfzehn Minuten. Aber dann ist noch jede Menge Zeit. Die Flüge nach Tromsø haben ebenfalls Verspätung, nach Mitternacht geht es weiter. „Svalbard“ steht jetzt auf der Anzeigetafel und auf einmal ist dieses seltsame Reiseziel am Ende der Welt viel näher gerückt.
Wer reist um diese Jahreszeit nach Svalbard? Polarforscher, Extremtouristen? Weit gefehlt. Zu den Passagieren zählen trinkfeste Skandinavier - die zu einem Wochenendtrip mit zollfreiem Alkohol unterwegs sind - die Mitglieder eines Symphonieorchesters auf Tournee und einige Deutsche mit Reiseführern. Ob man einen Reiseführer braucht, sei dahinge stellt - lange, warme Unterhosen, jede Menge Goretex zum drüber ziehen, Mütze, Handschuhe und warme, rutschfeste Stiefel sind dagegene ein Muß. Bis zu sechzehn Grad minus herrschen um diese Jahreszeit dort oben, und der Windchillfaktor soll mörderisch sein. Als Ausgleich ist die Luft führt so trocken, daß das Berühren von Metall zu einem elekrisierenden Erlebnis wird. Auf Spitzbergen herrscht arktisches Klima, das bedeutet das circa 25 Zentimeter Schnee im Jahr fallen, und der Boden ständig mehrere Kilometer tief gefroren ist. Von mitte November bis ende Januar herrscht die Polarnacht.
Um halb vier Uhr morgens landet die Maschine in Longyearbyen. In der Flughafenhalle fällt einem als erstes ein ausgestopfter Eisbär ins Auge - und wer Eisbär sagt, outet sich sogleich als Unwissender. Polarbär lautet die rich tige Bezeichnung für das gefährlichste Raubtier der Erde. Die Bedrohung durch den Menschen gibt es heutzutage nur noch indirekt. Töten darf man die Tiere nur aus Notwehr. Nicht die Pelztierjäger sind es, die zur Dezimierung der Bären beitragen sondern Klimaveränderungen und Umweltver schmut zung.
Im Intenet stand auf den „Svalbard“-Pages, daß man sich ungefährdet im Ort bewegen kann, außerhalb aber tunlichst ein Gewehr mitzuführen habe. Ein Werbetrick der Tourismuszentrale, um die Einöde am Pol attraktiver zu machen? „Ich würde mich außerhalb der Ortsgrenze auch am hellen Tag nicht ohne Waffe aufhalten“, sagt Vibke, die Rezeptionisten im Nybyen Guesthouse.
Entkommen kann man dem Polarbären jedenfalls nicht. Überall im Ort findet man sein Abbild, selbst auf den Plastiktüte des Supermarktes. Und natürlich hat jeder Svalbardian eine Polarbärgeschichte zu erzählen. „Letzte Woche war auf der anderen Seite der Bucht ein Muttertier mit zwei Jungen“, berichtet die Bedienung im Huset Grill. „Die Kleinen sahen richtig knuddelig aus! Wir haben sie versucht zu verjagen, damit sie nicht in die Stadt kommt.“ Februar/März ist die Jahreszeit, in der die Bären sehr angriffslustig sind. Sie haben nach dem Ende der Polarnacht Hunger und die Bärinnen verteidi gen ihren Nachwuchs. Über derartige Vorfälle mit Polarbären spricht man an offizieller Stelle nicht gerne. Dabei passiert es immer wieder das leichtsinnige Touristen als Bärenfrühstück enden.

Lonyearbyen hat knapp eintau sendvier hundert Einwohner, rund hundert davon sind Kinder unter 6 Jahren. „Es gibt nicht viel zu tun hier“, sagt Kari Angermo von der Tourist-Info und spricht das Offensichtliche aus. Die Polarnächte eigenen sich eben beson ders gut zum Kuscheln. Und da die Durschnittsbevölkerung zwischen 30 und vierzig liegt wundern die vielen Krabbelkinder nicht weiter.
Es ist Anfang März, der Beginn der Touristensaison. Während man im Sommer Wanderungen und Kajaktouren unternehmen kann, gibt es im Winter „Icecaving“, oder die Besichtigung der stillgelegten Miene. Recht geruhsam geht es bei einer Schlittenhundfahrt zu. Wobei die Huskies nur noch für die Touristen gehalten werden. Die Zeiten, in denen sich Trapper und Fallensteller mit dem Hundeschlitten über Land fuhren sind längst Geschichte.
Zur Eishöhle hingegen geht auf Motorschlitten, einem passenden Fahrzeug für ein Land, in dem es nur innerhalb der Ortschaften Straßen gibt. Um ein Gefühl für die Steuerung des Fahrzeugs zu bekommen, drehen die Teilnehmer auf einem, dünn mit Schnee bedecktem, Geröllfeld ein paar Ehrenrunden. Dann geht es ab, in Richtung Longyear Gletscher. Wer nicht über die passende Begkleidung verfügt, wird vom Veranstalter der Tour kostenlos mit Overall, Stiefeln, Pelzmütze und Handschuhen ausgestattet.
Die Eishöhle, die man mit Strickleitern und Eispickeln erkundet, gehört zu einem Höhepunkt der Reise. In den verschiedenen Sedimentschichten läßt sich die Erdgeschichte ablesen. Und aus der Zeit, als Spitzbergen noch Tummelplatz der Saurier war, sind noch zahlreiche Fossilien sichtbar.
Die Besichtigung von Gruve 3 führt ebenfalls ins Innere von Spitzbergen. Age Lind, ein ehemaliger Bergmann, führt die Gruppe durch die Miene in der er früher bei Minusgraden Kohle abgebaut hat. Nach der Einweisung, zu der auch der Gebrauch der Atemmasken im Notfall gehört, geht es ab in den Stollen. Auf der Tour erzählt Age launig Witze und „wahre“ Geschichten. Natürlich hat er auch eine Geschichte über einen Polarbären in seiner Anekdotensammlung. „Eisbären sind gar nicht so gefährlich. Wenn die sich mal in Stadt verirren haben sie nur Angst und wollen so schnell wie möglich wieder weg.“ Ist er denn schon mal einem Bären begegnet? „Klar. So dicht bin ich ihm gekommen“, er zeigt mit den Händen einen Abstand von zwan zig Zentimeter an. „Und“, sagt er triumphierend. „Ich lebe noch.“ War es ein toter, oder ein lebender Bär? Ages Grinsen sagt alles.
Doch man kann auch auf eigene Faust die nähere Umgebung erkun den - weiter Touren müssen bei der Verwaltung angemeldet werden. Snowscooter und Gewehre kann jeder Besucher mieten. Arne Kristofferson sieht dies nicht so gerne. Bei ihm müssen die Kunden erst mal zeigen, daß sie mit einem Gewehr umgehen können. Zwar ist es im Ort verbo ten, mit einem geladenen Gewehr rumzulaufen, trotzdem schoß ein Neuankömmling, beim reinigen des Gewehrs, versehentlich bis in die Nachbarwohnung. „Irgend wann wird Schlimmeres passieren“, befürchtet Krisofferson. Überhaupt hält er nicht alllzu viel von den steigen Touristenzahlen. „Hier geht es schon fast zu, wie auf den Kanaren. Zwar gibt es noch keine Charterreisen, aber daß ist wohl auch nur eine Frage der Zeit.“ Der Tourismus würde der Landschaft mehr Schaden zufügen, als der Bergbau, sagt er. „Wenn im kur zen arktischen Sommer jemand seinen Fuß auf die dünne Erdschicht setzt, bleibt der Schaden für dreißig Jahre sichtbar.“ Außerdem hat er Störungen im Verhalten der Wildtiere festgestellt.
Kari Angermo sieht es gerne, wenn viele Touristen kommen. „Hier sieht man doch sonst jeden Tag die gleichen Gesichter.“ Trotzdem, im Sommer, wenn der größte Touristenandrang ist, sucht, wer nicht in der Touristikbranche arbeitet, das Weite. Ein Sommer bei Höchsttemperaturen von vier Grad ist selbst für hartgesottene Spitzbergen-Fans schwer zu ertragen.


©Myra Çakan - 1999

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