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Kritikerstimmen
"Where are Germany's futurists? Few and far between. Why should America and Britain dominate the science fiction field? Germany has been, I suspect, waiting for someone worthy -- not only Germany, but German women. She's here. Her name is Myra Çakan and she has the scope, the independence of thought, the vision, and the intelligence for the job.
"Wo sind Deutschlands Futuristen? Rar und dünn gesät. Warum sollen die USA und England das Feld der Science Fiction beherrschen? Mir scheint,Deutschland hat auf jemanden gewartet, der es würdig vertritt -- nicht bloß Deutschland, sondern die deutschen Frauen. Sie ist hier. Ihr Name ist Myra Çakan und sie hat den geistigen Horizont, die gedankliche Unabhängigkeit, die nötige Vision und Intelligenz für diese Aufgabe."
John Shirley
Helmut Ziegler (Die Woche)
Kritik zum SWR Hörspiel "Xanadu"
Tatort Titan
Ein WDR-Hörkrimi von Cyberpunk-Autorin Myra Çakan
Haben Aliens Nieren? So genau wissen es die Humanoiden nicht. Das war bislang nicht wichtig. Nun aber gibt es eine Mordserie auf dem Saturn-Mond Titan; und allen Toten fehlen Stücke ihrer Nieren - 'oder was auch immer die Aliens statt dessen haben'. Die Kopfgeldjägerin Callista Starbuck wird es herausfinden. Und die eigentlich Hartgesottene muss eine Menge lernen über das Leben und die vielen obskuren Lebensformen in dieser für sie neuen, lebensfeindlichen Welt.
Myra Çakan hat sich längst einen Namen gemacht als eine der wichtigsten Autoren deutschsprachiger Cyberpunk-Literatur. Sie arbeitet viel fürs Radio, weil ihre phantasievollen, überdrehten Geschichten zusätzlich gewinnen, wenn sie akustisch in Szene gesetzt werden wie nun Xanadu von der Hörspiel-Regisseurin Annette Kurth. Gemessen an den Konventionen der Science Fiction und an anderen, durchgeknallteren Hörspielen Çakans wie zum Beispiel Handelspartner und Hollywood Shootout ist Xanadu zwar eher konventionell: eine wüste Räuberpistole, dynamisch erzählt, mit einem ausgetüftelten, aber selten innovativen Sounddesign. Aber längst nicht jedes Cyberpunk-Hörspiel muss das Universum neu erfinden. Eines ist Xanadu allemal: handwerklich gut gemachte, spannende und gewitzte Unterhaltung.
sfi - Süddeutsche Zeitung
Funkkorrespondenz Ausgabe 14/2011
Der Android und die Apps
(...) Die in der Nähe von Hamburg lebende Autorin Myra Çakan hat sich in der deutschen Science-Fiction-Szene nicht nur mit ihren viel beachteten Cyberpunk-Romanen, sondern auch mit bereits knapp 20 Hörspielen einen Namen gemacht. Bei dem rund 55-minütigen Stück Xanadu, das im April auf der WDR-Jugendwelle 1Live urgesendet wurde, handelt es sich allerdings nicht um Cyberpunk, sondern um eine Hommage an den amerikanischen Detektivkrimi, der als Space Opera ausstaffiert wurde. Für die nachvollziehbar und schlüssig ausgearbeitete Handlung wäre diese Transponierung nicht erforderlich gewesen. Außer als Erweiterung des kreativen Potenzials diente sie aber mit Sicherheit der Vereinfachung des Vertriebswegs, denn Myra Çakan steht nun einmal für Science Fiction.
Ort des Geschehens ist Xanadu-City auf Titan, die Heldin ist eine Kopfgeldjägerin mit dem reißerischen Namen Callista Starbuck. Allerlei nicht im Detail beschriebene Außerirdische bevölkern die Szenerie. Der Kämpfer, der unserer Protagonistin den Hals rettet, wird als zickiger Android mit Freiheitsbestrebungen eingeführt. Diesen Androiden namens Rollo 373 kann man als heimliche Hauptfigur und insgesamt als guten Wurf bezeichnen. Denn während Callista weitgehend profillos bleibt und relativ schematisch agiert, gewinnt Rollo an Charakter. Dass er Geld benötigt, um sich Apps (wie iPod- oder Firefox-Apps) zu verschaffen, und er dann die Heldin dank einer Ultra Scan App und vor allem einer Outer Planet Combat App rettet, kann man wirklich als gelungenen Gag bezeichnen.
Wie es sich für eine selbstironisch-humorige Space Opera gehört, wurde das Hörspiel von Regisseurin Annette Kurth mit allerlei merkwürdigen Sounds ausgerüstet. Im Hörfunk braucht man sich weder über exakte Körperphysiognomien noch über raffinierte Waffen den Kopf zu zerbrechen, einfache Stimmverfremdungen, Hinweise auf Scheinhände und entsprechende Töne genügen, um ein exotisches Oeuvre hervorzurufen. Für die musikalische Aufbereitung sorgte Lars Rudolph, der bisher seltener an Hörspielen, dafür an unzähligen Film- und Fernsehproduktionen beteiligt war. Rollo, der von dem im Hörspielressort mittlerweile allgegenwärtigen Jens Wawrczeck gesprochen wurde, bekam eine hübsch knarzende Stimmfärbung mit hohem Wiedererkennungswert. Falls eine weitere Folge dieser soliden Unterhaltungs-SF geplant sein sollte, würde sich anstelle der blassen Callista der Android als Hauptfigur mit Entwicklungspotenzial empfehlen.
15.04.11 - Andreas Matzdorf/FK
Kritik zum SWR Hörspiel "Handelspartner"
Druff mit Dünger
Ein Science-Fiction-Hörspiel über intergalaktischen Irrsinn
"Und jetzt die Backen geglättet!" Wer das nicht gleich versteht: Es ist eine Aufforderung zum Feiern. Bis der Detektiv Archie Goodwin diese Einladung jedoch aussprechen kann, muss erst eine Menge passieren im Science-Fiction-Hörspiel Handelspartner. Oder auch nicht; ganz wie man es sieht. Zwar herrscht an Aktionismus kein Mangel. Über dubiose Großdeals wird verhandelt, mal sollen hunderttausende Holzschuhe vertickt werden, mal Phosphordünger in den Geschmacksrichtungen knaffi und knalbi - zu bezahlen in der Währung Schwabbel. Wer sich sperrt, wird ein Fatznapp geheißen. Die übrigen trinken kühles Pengel. Es ist also viel los - aber eine stringente Handlung ergibt das alles nicht.
Mit Absicht: Myra Çakan bedient sich der Genremuster des Detektivthrillers für ihr Hörspiel (Regie: Alexander Schuhmacher), achtet aber sehr darauf, Sinnzusammenhänge zu vermeiden. Deshalb Science Fiction, weil da alles möglich ist: Die Figuren können Terraner sein wie Goodwin oder aber auch würfelzuckerfressende Riesenspinnen. Wörter und Redewendungen lassen sich nach Laune erfinden, die Handelspartner tagen schließlich nicht auf der Erde, sondern im Rigel-Sternensystem; und dort herrschen - wie Star-Trek-Fans wissen - eigene Sitten. Handelspartner ist eine Persiflage auf Detektiv- wie Weltraumabenteuer: albern, pointenreich und vor allem akustisch sehr verspielt.
STEFAN FISCHER - Süddeutsche Zeitung
Kritik zum WDR 1 Live Hörspiel "Keine Sterne über Downtown"

Frankfurter Allgemeine Zeitung, Feuilleton, 24.10.2002
Kritik zu "Downtown Blues"
.... Çakans Thriller erzählt vom Leben am Abgrund. Von einer Welt, in der jeder lebt, wie er träumt - allein, aber dennoch mit melancholischer Hoffnung auf Besserung. Düster-spannende Unterhaltung - nicht nur für Fantasy- und Cybepunk-Freaks!
Stern - Heft 22
Blues in der Cyberstadt
Endlich mal wieder mit unrationiertem Wasser ausgiebig duschen: Wer in Downtown lebt, hat bescheidene Wünsche. Wie die Straßenratte Donovan, neu bei der City Force. Sie will ein Stückchen vom Leben, das in Downtown nur als Abklatsch stattfindet: Fleischersatz, Whiskyersatz, Ersatzkaffee. Nur die Drogen sind echt, immer neue kommen auf den Markt. Auch in der schicken Uptown. "Stardust" wird zum "Prämienfall" für Donovan, zur Chance auf das große Geld in einer Welt voller Computer und ohne Hoffnung - einer Cyberpunk-Welt. Was Myra Çakans Downtown Blues über die souveräne Beherrschung des Genres hinaus leistet, ist die Verschmelzung mit dem zynischen, rotzigen Cop-Krimi alter Schule. Die Sprache ist knapp und exakt.
Frankfurter Rundschau
"...Die rasierklingenscharfe Sprache, das Tempo, die Beschreibungen, das macht die Klasse dieses Buches aus, das locker mithalten kann mit amerikanischen Thrillern dieser Art.
"Lara Croft" ist gegen City-Force-Cop Donovan eine brave Barbie mit Brustimplantat beim Kindergeburtstag."
Hessischer Rundfunk
Cyber-Blues
"Downtown ist das Synonym für Abstieg. Lebensmittelkarten für Ersatznahrung, Massenunterkünfte, Wasserrationierungen im Sommer, Smog das ganze Jahr, Terror in den Straßen." heißt es im zweiten Kapitel des Romans.
Myra Çakans Downtown ist weitaus mehr als ein Konglomerat aus dystopischer Zukunftsvision und dem Alptraum, aus dem ein Städteplaner schreiend erwachen würde. Die Downtown, die einem technisierten Dschungel mehr ähnelt als einer Stadt in der Mitte des 21. Jahrhunderts, ist der eigentliche Protagonist des Romans, mit dem die Autorin beweist, daß der Cyberpunk noch neue Dimensionen zu bieten hat.
Der Roman hat ein so berauschendes Tempo, daß dem Leser nichts weiter übrig bleibt, als von Zeit zu Zeit abzusetzen, um wieder zu Atem zu kommen. Rasante Szenen jagen einander, und der Leser hört geradezu den Soundtrack zum Text, als würde ein überdrehter Punk-Drummer auf Bassdrum, Snares und Hihats einschlagen. Einen guten Eindruck des Stils vermittelt die von Myra Çakan bereits 1988 verfaßte, gleichnamige Erzählung "Downtown Blues", die 1990 in der Computerzeitschrift c't erschien und durch AC 41 den Lesern wieder zugänglich wird.
Wie auch in der Erzählung ist Donovan die Hauptfigur des Romans. Sie ist Agentin bei der City Force, einer speziellen Einsatztruppe zur Bekämpfung des scheinbar allgegenwärtigen Verbrechens in der Downtown. Anfangs wird sie die Partnerin der erfahrenen DelMonico, doch als diese unter sehr seltsamen Umständen verschwindet, ist Donovan auf sich allein gestellt. Sie versucht, DelMonico wiederzufinden und obendrein auf die Spur der Drogenbosse zu kommen, die den Sternenstaub in Umlauf bringen. Durch Härte und Coolness versucht sie ihre eigenen Ängste und Unsicherheiten in den Griff zu bekommen, und meist gelingt ihr das auch. Schließlich findet sie in Chan einen neuen Partner, der sie durch seine Fähigkeiten voranbringt und stößt mit ihm auf einen weiteren Fall, der direkt mit ihrer eigenen Vergangenheit verknüpft ist ...
Myra Çakan benutzt bekannte Stilelemente des Cyberpunk, komponiert daraus jedoch mit kompromißloser Härte und poetisch-urbanen Bildern ihren bisher besten Roman, der zweifellos zu den wichtigsten deutschen SF-Titeln in diesem Jahr gehört und den man getrost in einem Atemzug mit den herausragendsten Büchern von Gibson, Sterling und Shirley nennen kann.
© Hardy Kettlitz, "Alien Contact"
... nach ihrem preisgekrönten Erstling "When the Music's Over" legt sie mit "Downtown Blues" einen Nachfolger vor, der sich gewaschen hat. Ein erstklassiger Roman, der sich vor der englischsprachigen Konkurrenz sicherlich nicht verstecken muß, der dieser teilweise sogar noch einen Schritt voraus ist. Knapp, präzise, geschliffen und eindringlich bringt Çakan ihre Geschichte unter's Volk und schafft dabei einen Cyberpunk-Thriller, der seinesgleichen sucht.
"flash-zine.de"
Kritik zu "When the Music's Over"
Myra Çakan, mindestens so abgedreht wie Cyberpunk-KingJohn Shirley, wird in eingeweihten Kreisen längst als hiesige Kronprinzessin gehandelt.
Ira Panic - Hamburger Morgenpost
"Ohne Frage: Die Schilderung des Kontrastes zwischen binären Banalitäten und der Schönheit nicht enden wollender Naturparadiese hat man so luzide formuliert selten vernommen."
Berliner Morgenpost (Stefan Meyer)
Szene, Hamburg
Ein ungewöhnlich stilsicherer und einfallsreicher Roman - ich bin sehr auf Myra Çakans nächstes Buch gespannt.
Felix Darwin - Alien Contact
Sex, Drugs and Rock'n Roll
Seitdem die Außerirdischen auf der Erde gelandet sind, geht es mit der Menschheit ständig bergab. Eine Umweltkatastophe jagt die andere, die Meere steigen, kaum ein Fleck ist nicht radioaktiv verseucht, Aliendrogen und neue Krankheiten tun ihr übriges um die Menschheit an den Abgrund zu schieben. Hinterfragt wird die Situation schon lange nicht mehr, Politiker beten immer dieselben Sprüche herunter und leben wie die anderen Mitglieder der Oberschicht in geschützten Breichen, fernab von der Realität.
In Berlin existiert eine Widerstandsbewegung aus Teenagern, die versuchen, den Aliens kleine Nadelstiche zu versetzen um die Öffentlichkeit auf die Gefahr, die von ihnen Ausgeht aufmerksam zu machen. Doch erst nachdem ein Reporter-Team zu ihnen stößt und der Weg der Widerständler sich mit einer Eskimo-Frau und einem Ex-Musiker kreuzt, besteht für die Menschen eine Chance, sich vom unsichtbaren Joch der Außerirdischen zu befreien.
Myra Çakan breitet in "When the music's over" eine hoffnungslose Welt vor dem Leser aus, in der nicht viel mehr als der tägliche Kampf ums Überleben ohne eine wirkliche Zukunft existiert. Und doch gibt es noch Menschen, die Visionen haben, für sie bereit sind zu kämpfen. In "When the music's over" sind alle klassischen Stilelemente des Cyberpunk vereint. Das übermächtige System, die Outsider, Drogen, Sex und Rock'n Roll. All das nicht im fernen Los Angeles, sondern in Hamburg und Berlin.
Çakan's Buch stellt eine der wenigen Ausnahmeerscheinungen im rar gesäten deutschen Science Fiction dar: Schnell, hart und direkt -- mit einem Hang zur Melancholie.
Wolfgang Tress, Amazon.de
Licht aus, Ende!
Buch des Monats. Klimakatastrophen und Epidemien haben die Erde verändert. Küstengebiete wurden überflutet, Großstädte wie London sind "begrenzten Konflikten" zum Opfer gefallen, Politiker ergehen sich weiterhin in Schönrednerei, und die Reichen ziehen sich in geschützte Antarktis-Enklaven zurück. Scheinbar harmlose Aliens verkaufen außerirdische Drogen, doch von "Invasion" zu sprechen, gilt als politisch unkorrekt.
Dieses Endzeit-Szenario ist typische Cyberpunk-Science-Fiction, die - wie sich im Genre gehört - "fünf Minuten in der Zukunft" spielt. Ungewöhnlich daran ist nur, dass eine deutsche Autorin daraus einen Roman gemacht hat, der wirklich funktioniert. Myra Çakans literarisches Debüt "When the Musics Over" (Argument/Ariadne) setzt den Mächten der Vernichtung eine Gruppe heldenhafter Individuen (das Eskimomädchen Skadi, die Jugendterror Anführerin Sunshine, den Hacker Wiesel) und die Power des guten, anarchischen Rock n Roll entgegen, der noch immer Hoffnung wecken kann.
Das die Autorin nach einer mitreißenden ersten Hälfte schnell noch alle restlichen (guten!) Ideen verbrät und gelegentlich so schreibt, als konsumiere sie selbst Alien-Drogen, ist verzeihlich - und eigentlich recht attraktiv.
Wienerin, November 1999
"When the Music's Over"
"What have they done to earth, what have they done to our fair sister?" - Myra Çakan zitiert die Doors und damit ist die Richtung dieses Cyberpunk-Romans klar: Sex & Drugs & Rock'n' Roll. Doch damit nicht genug entwirft die Hamburgerin ein Zukunftsszenario, bei dem es einem ganz anders wird. Dabei tut sie nichts weiter, als die derzeitigen Verfehlungen der Menschheit konsequent weiter zu denken. Inmitten verseuchter Gebiete und überfluteter Städte voller Anarchie lädt Çakan den irritierten Leser ein, zusammen mit einer von einer Grönländerin angeführten kunterbunten Truppe einen durchgeknallten Trip durch eine Hölle namens Erde zu machen und sich dabei noch mit käferartigen Außerirdischen herumzuplagen. Ein kribbeliges Buch, das trotz seines extremen Inhalts ziemlich konventionell und flüssig geschrieben ist und daher zum Schnellweglesen taugt.
(MS) Zitty - Berlin
Die Flut kommt
Myra Çakans Erstlingswerk "When The Music's Over" beweist, daß auch deutschsprachige Autoren durchaus das Zeug dazu haben, sich mit dem internationalen SF-Markt anzulegen. Mit guter Science Fiction ist es so eine Sache. Manchmal scheint es so, als wäre die Glanzzeit des Genres (dessen Höhepunkte fast alle aus dem angloamerikanischen Raum stammen) längst vorbei. Immerhin hat ja auch William Gibsons "Neuromancer" schon einige Jahre auf dem Buckel...
Unter SF verstehen die meisten heute "Star Trek" und "Star Wars". Jedes Kind weiß, wer die Borg sind oder daß Darth Vader der Papa von Luke und Leia ist. Dementsprechend beschränkt sich die Buchproduktion zu einem Großteil auf "literarische" Ableger und Spin-offs erfolgreicher Serien, Filme und Rollenspiele. Der Rest scheint sich in endlosen Fantasy-Vielteilern oder dem x-ten Aufgruß erfolgreicher Genre-Ideen zu erschöpfen.
Da freut man sich, wenn man wieder einmal eine lobenswerte Ausnahme entdeckt - wie z. B. Myra Çakan und ihr Erstlingswerk "When The Music's Over". In diesem Roman (der übrigens im rasant herannahenden 21. Jahrhundert spielt) sind die Staaten und Kulturen unseres Planeten beinahe vollständig zu einer Einheit verwachsen, und auch die Bevölkerung besteht allerorten aus einem Gemisch verschiedenster Religionen und Kulturen. Eine klare Abgrenzung der Nationalitäten findet also kaum noch statt; selbst die verschiedenen Sprachen werden immer stärker zu einer einzigen vereinheitlicht.
Durch Umweltkatastrophen, Treibhauseffekt und radioaktive Verseuchung erscheint diese Welt immer menschenfeindlicher und dunkler. Ganze Landstriche sind Überflutungen zum Opfer gefallen, das World Wide Web ist längst Vergangenheit, und die Multis haben (Hand in Hand mit außerirdischen Invasoren) die Macht übernommen, um unsere gute alte Erde von ihren letzten Ressourcen zu befreien. Im Ausgleich dafür verabreichen die Aliens den Menschen Glücksdrogen, die sie von den wahren Problemen ablenken.
Hier beginnt die Geschichte der Grönländerin Skadi und des elternlosen Garfield. Auf ihrer Suche nach drogenloser Lebensfreude und dem ultimativen Kick begegnen sie dem begnadeten Hacker Wiesel, Sunshine, der Anführerin der Tunnelsoldaten, und anderen ebenso schillernden wie verkrachten Persönlichkeiten, die mit ihnen gemeinsam einen Teil ihres Kreuzzugs zurücklegen werden.
Obwohl "When The Music's Over" auf den ersten Blick den Eindruck erweckt, jemand versuche da, Autoren wie Jeff Noon ("Gelb") zu imitieren, entwickelt die Geschichte schnell eine immense Eigendynamik. Die drogengeschwängerten Dark-Future-Phantasien der Autorin zeichnen sich durch eine postapokalyptische Cyber-Romantik aus, die den Leser nicht so bald wieder losläßt.
Bleibt nur zu hoffen, daß es sich bei diesem Debütroman nicht um eine Eintagsfliege handelt, sondern Myra Çakan noch mehr eindrucksvoll-visionäre Phantasien dieser Art auf Lager hat.
J. F. - EVOLVER - Wertung: 4,5 Punkte
Reunion der Bladerunner
Die Erde und die menschliche Zivilisation befinden sich in einem desolaten Zustand. Umweltkatastrophen wie der Anstieg des Meeresspiegels haben halb Europa vernichtet, staatliche Ordnung ist kaum noch erkennbar, hinzu kommen die Attacken von Aliens, die sich als Voraustrupp einer Invasion über der Erde eingefunden haben und sich wie Touristen unter den Menschen bewegen, sich zudem als Militariasammler und Drogendealer betätigen, wenn sie nicht gerade Städte verwüsten, in denen sie Widerstandskämpfer vermuten. Krankheiten grassieren, die Drogen und Parasiten der Aliens sind nicht minder tödlich. Die überlebenden Menschen versuchen sich größtenteils als Nomaden in dem einzurichten, was übriggeblieben ist, und pflegen eine Art Trümmerkultur: "Der Planet war ein Ramschladen geworden." Spitzbergen kommt plötzlich Bedeutung als Bastion europäischer Kultur zu, die Insel Freezone vor Afrika ist ein El Dorado für Abenteurer und Händler, und in der Antarktis gibt es ein HighTech-Zentrum der Reichen, die sich frühzeitig mit den Aliens verbündet haben und für ihren Verrat an der Erde mit einem scheinbar sicheren Plätzchen und die Hoffnung auf Unsterblichkeit belohnt wurden. Sie und die Aliens kontrollieren gemeinsam die Reste der Weltwirtschaft und planen die bevorstehende Invasion.
Einige der ohnmächtigen und entwurzelten Überlebenden versuchen Teile ihrer Welt und ihres Erbes zu bewahren, ziehen etwa als Theatertruppe durchs Land oder organisieren ein Rockfestival, andere haben als "Tunnel-Soldaten" den Guerillakampf gegen die "Vierfinger" oder "Käfer", wie die Aliens genannt werden, auf ihre Fahnen geschrieben.
In episodenhafter Form wird das Schicksal einer Handvoll von Personen geschildert, deren Wege sich auf die eine oder andere Art kreuzen: der jungen Eskimofrau Skadi, die sich die Reste des kontinentalen Europas ansehen will, des zwölfjährigen Garfield, der jugendlichen Hackers Wiesel, der kämpferischen Sunshine als Führerin der Tunnel-Soldaten, des ehemalige SF-Autors Doc (der zeitweise von den Aliens ausgerechnet in der Area 51 interniert war) sowie der Brüder Blue und Pierce, die beide bei der legendären Band Bladerunner gespielt haben, bis Pierce im Streit mit dem Bruder ausgestiegen und seinen eigenen Weg - er sucht als Taucher nach Sachen, die sich verkaufen lassen - gegangen ist. Am Ende kommt es zur Reunion der Bladerunners auf Freezone, bevor der drogensüchtige Pierce, der einen Alien-Parasiten in sich trägt, stirbt, und die Tunnel-Soldaten findet gemeinsam mit Hacker Wiesel doch noch einen Weg, die Aliens zu besiegen.
Die Hamburgerin Myra Çakan, als Journalistin tätig und durch eine größere Zahl von SF-Erzählungen - die unter anderem in dem Computermagazin c't erschienen sind - bekannt geworden, hat einen sehr bemerkenswerten Romanerstling vorgelegt, den man zu den besten deutschen SF-Romane der letzten Jahren zählen muß. Ob es sich wirklich um einen Cyberpunkroman handelt, wie der Untertitel verrät, sei dahingestellt - dafür ist die Cyberkomponente eigentlich zu schwach ausgeprägt -, aber er kommt zumindest aus dieser Ecke und trifft mit seinen unheroischen Protagonisten, seinem rotzigen Ton und seinen Bezügen zur Rockmusik das Feeling des Cyperpunk besser als jeder andere deutsche SF-Roman zuvor. Es gibt Annäherungen an Philip K. Dick, J.G. Ballard, George R.R. Martin, John Shirley (der sich auf der Rückseite des Buches auch lobend über Myra Çakan äußert) und andere, dazu im Text, im Titel und in den Kapitelüberschriften zahlreiche Anspielungen auf Science Fiction und Rockmusik, und die Autorin baut auch Versatzstücke aus SF-Romanen und -Filmen ein.
Der Schluß erweist sich in gewisser Weise als Adaption aus Independence Day (hier wird ein altes Alien-Raumschiff mit einer organischen Lernmaschine "umgedreht" und als Waffe gegen die Erbauer benutzt), was zwar ähnlich unglaubwürdig, aber auch ähnlich wirkungsvoll ist. Ich hätte mir vielleicht eine stringentere Handlungsführung gewünscht, gebe aber zu, daß die episodenhafte Zerrissenheit weder beliebig noch uninteressant ist und im übrigen die Situation der Protagonisten und ihrer Welt adäquat abbildet.
Ein guter, ein kompetenter Roman.
© Hans Joachim Alpers, "Wunderwelten"
Kritik zu "LUKE HARRISON"
Space Cowboy
Schnoddriger Weltraum-Held im Kampf zwischen Gut und Böse
Seine Vorlieben gelten schönen Frauen und guten Pokerpartien. Attacken verkniffener Leibwächter und gedungener Killer beantwortet er mit coolen Sprüchen und, wenn die nichts mehr helfen, mit der kleinen Automatikpistole aus dem Stiefel. Wäre da nicht der Hang zum Marsianischen Marsröschen-Schnaps und eine Ausbildung als Raumpilot, man könnte sich Luke Harrison (Star Wars lässt grüßen) durchaus im Sattel eines feurigen Rappen vor Wild-West-Kulisse in den Sonnenuntergang reitend vorstellen, oder aber hinter dem Schreibtisch eines Detektivbüros im Los Angeles der fünfziger Jahre. In Begegnung in der High Sierra, dem ersten Band einer ganzen Reihe von "Luke Harrison"-Abenteuern, spielt der ewige Kampf zwischen Gut und Böse allerdings im 23. Jahrhundert. Dabei bleibt die junge Autorin Myra Çakan ungeachtet der wohl intendierten Versatzstücke einer "Space Opera" doch weitgehend den großen Vorbildern Hammett und Chandler und deren "hard-boiled detectives" verpflichtet. Wie jene Großen der Krimiliteratur thematisiert auch Çakan den Versuch des Individuums, in einer Übermächtigen und schon lange nicht mehr durchschaubaren Welt irgendwie über die Runden zu kommen. Sprachlich immer noch äußerst gelungen, jedoch nicht mehr mit der inhaltlichen Tiefe von Çakans Erstlingswerk When the Music's over versehen, leidet der Titel ein wenig unter seiner Rolle als Fortsetzungsroman, der im vorliegenden Falle seine eingeführten Charaktere erst einmal in Wartestellung parkt. Trotzdem: Ein Lesetipp für Fans gut geschriebener Unterhaltungsliteratur mit einem besonderen Faible für schnodderige Krimi-Helden. (ab 13 Jahre)
Peter Müller - © 2000 "Süddeutsche Zeitung"
Luke Harrison ist ein recht seltsamer Held...
Er schlägt sich durch Betrügereien und Glücksspiel durchs Leben. Doch eines Tages hat er ein bißchen zuviel Glück im Spiel, und die Schläger des Syndikats sind ihm auf den Fersen. Der Mars scheint ein guter Zufluchtsort zu sein, doch die Reise ist teuer, und als Luke dort ankommt, muß er feststellen, daß der wunderbare rote Planet öb ein sehr trostloser Ort ist und er selbst mit leeren Taschen dasteht. Durch einen bösen Trick wird er zwangsverpflichtet und muß einige Jahre einen beschwerlichen Dienst tun, der ihm nichts einbringt. Im Gegenteil: Es endet im Fiasko, sein Schiff wird plattgemacht, und er kommt gerade so mit dem Leben davon. Endlich wieder sein eigener Herr, lernt Luke Lady Rhiannon von Dardariee kennen, eine rätselhafte junge Frau, die ihm um Hilfe bittet, dem fiesen Handelsherren Gharf die ihr gestohlenen Schwingkristalle wieder abzujagen. Luke willigt ein, denn er hofft, die Ursachen der Katatrophe seines Schiffes ergründen zu können. Die Ereignisse überstürzen sich, und Luke ist bei weitem nicht immer Herr der Lage...
Man merkt dem Buch an, welche Lektüre Myra Çakan bevorzugt, betonte sie doch selbst, daß sie Autoren wie Jack Vance und Eric Frank Russell sehr schätzt. Luke Harrison erinnert an ein Gemisch aus Bill dem galaktischen Helden und Cugel dem Schlauen. Souverän greift die Autorin auf klassische Versatzstücke der SF zurück, ohne in Klischees abzurutschen. Ihr Mars ist gleichzeitig romantisch und desillusionierend, das Planetensystem ein wilder Ort, wo man eher auf Piraten stößt als auf langweilige Leere. Stellenweise erinnert der Stil an klassische Krimiautoren wie Dashiell Hammett und Raymond Chandler.
Spannung, Geheimnisse und eine actiongeladene Handlung - so sollten alle Space Operas geschrieben sein.
© Hardy Kettlitz, "Alien Contact"
Ihr Erstling "When the Music's over" war der Ueberrschungs- Bestseller des letzten Jahres. Nach dieser eher duesteren Vision der nahen Zukunft zieht es die Hamburger Autorin jetzt in den Weltraum. Das Leben auf dem Mars ist jedoch keineswegs weniger gefaehrlich als auf der guten alten Erde. Vor allem, da sich unser Held auf Grund extremer Geldnoete gezwungen sieht, in die Dienste der geheimnisvollen Lady Rhiannon zu treten ... Mit "Luke Harrison -- Weltraumabenteurer" startet eine Space Opera klassischen Stils, geschrieben fuer ein juengeres Publikum und SF-Einsteiger. Und am Ende des ersten Bandes heisst es erfreulicherweise: Fortsetzung folgt.
© Amazon.de
Im vergangenen Jahr sorgte die deutsche Autorin [Myra Çakan] mit ihrem rasanten, frechen und fantasievollen SF-Roman "When The Musics Over" über eine Welt nach dem ökologischen Kollaps, die am Tropf außerirdischer Dealer hängt, auch jenseits eingeschworener Fan-Zirkel für Aufhorchen. Jetzt schiebt sie diese kleine und actionreiche Space Opera nach. Die erscheint zwar in einer Jugendbuchreihe, ist aber so erfrischend stilsicher erzählt, dass auch andere an dem schnellen Schmöker ihren Spaß haben dürften.
H.P.M., X-Tips Das Bielefelder Stadtmagazin, Ausgabe Juli 2000
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