Luke Harrison - Weltraumabenteurer: Zwischenfall an einem regnerischen Nachmittag

        Es regnete - schon wieder, immer noch - auf Proxima V machte es keinen Unterschied. Aber was soll's, der ewige Regen passte ausgezeichnet zu meiner Stimmung. Noch besser passte er zu meinen Aussichten.

        Vor sechs Wochen hatte die "Suzie Q" auf dem Planeten aufgesetzt, hatte ihre Fracht abgeladen und war verschwunden. Ich hatte kurz mit dem Gedanken gespielt, an Bord zu bleiben und nach Callisto zurückzureisen, doch das nächste Ziel des Frachters war Van-Maanens-Stern. Und was hätte ich auch schon ausrichten können? Ich wusste ja nicht einmal, ob sich Rhiannon noch im Drei-Planeten-System aufhielt, und die Koordinaten ihrer Heimatwelt waren mir unbekannt. Also sagte ich mir: "Sie ist ein großes Mädchen, sie kommt schon klar. Sie konnte schon auf sich aufpassen, ehe sie dich getroffen hat. Sei ehrlich, Harrison, sie kommt besser zurecht, als du je von dir behaupten konntest." Doch die Stimmen in mir, die riefen: "Du hast Gharf erst auf ihre Spur gebracht", wollten nicht verstummen. Verrückt, ich wusste nicht mal, ob O'Neill in seiner Nachricht mit diesem "Jemand" überhaupt Gharf gemeint hatte.

        Und so kam es, dass ich an diesem regnerischen Nachmittag in einer der zahlreichen Pianobars auf Proxima V saß und versuchte, die Zeit mit Tequila totzuschlagen. Doch wenn ich ehrlich war, versuchte ich nicht die Zeit totzuschlagen, sondern die Vergangenheit. Es gelang mir ziemlich gut. Irgendwann dachte ich nicht mehr an das, was ich zurückgelassen hatte. Das war nach dem dritten oder vierten Drink, den ich bei Sancho bestellte.

        Sancho, der Besitzer von "Sanchos Pianobar", war ein untersetzter, mürrisch dreinschauender Indianer. Nein, er stammte nicht von der Erde, sondern von Indi 2, einem vier Parsecs entfernten System. Seine Masche war, sich als Mexikaner 1) auszugeben - mit falschem Namen, schwerem Akzent, einer riesigen flachen Kopfdeckung und einem bunten Poncho. Sancho hatte mir einige Stücke aus meiner E.T.-Kitsch-Sammlung abgekauft. So war es mir möglich gewesen, ein Zimmer im hiesigen YMCA zu nehmen und mich mehr recht als schlecht über den Tag zu bringen.

        Ich machte das universelle Zeichen für "noch einen" in Sanchos Richtung und lehnte mich zurück. Proxima V ist, wie wohl allgemein bekannt, der fünfte Planet eines unbedeutenden roten Zwergsterns namens Proxima Centauri, der dritten Sonne des Centauri-Systems. Wir sind hier so etwas wie der Außenposten der Menschheit. Knapp ein Viertel Lichtjahr weiter beginnt das siritische Hoheitsgebiet, genauer gesagt auf Centauri b II, einer heißen Welt mit Stickstoffatmosphäre.

        Müßig blätterte ich in einem Reiseführer, den vermutlich einer von Sanchos Gästen hatte liegen lassen.

      ( ...) Proxima V hat ein angenehmes, ausgeglichenes Klima und ist bekannt für seine wertvollen Bodenschätze. Proxima-City zeigt den pittoresken, verschlafenen Charme einer kleinen Stadt des amerikanischen Mittelwestens im frühen zwanzigsten Jahrhundert. (s. "Die Frühgeschichte des Sol-Systems") ( ...)

        Im Klartext heißt das allerdings: Das Klima setzt sich aus einer Sommer- und Winterregenzeit zusammen, mit geringfügigen Abweichungen in Temperatur und Niederschlagsmenge. Aliens von einer Wasserwelt würden sich hier schnell heimisch fühlen. Und der ganze Planet ist ein einziges Schlammloch. Nach den "wertvollen Bodenschätzen" suchte schon mancher gutgläubige Dummkopf sein Leben lang vergebens.

        Übersieht man nun den Regen, Morast und Dreck, so sieht es hier aus wie in jeder anderen Kolonie, die von Minenarbeitern, Prospektoren, Glücksrittern und deren Anhang bewohnt wird: baufällige Hütten, Lagerhäuser der Minengesellschaften, Spielhallen, alles aus Fertigbauteilen zusammengesetzt. Nicht zu vergessen die für diesen Sektor typischen Pianobars. Was soll's, es gibt sicher schlechtere Orte in der Galaxis, um sich zu verstecken.

        Zum Zeitpunkt meines ziemlich überstürzten Aufbruchs ins Centauri-System arbeitete ich als eine Art Versicherungsagent. Kaum der richtige Job für einen Raumschiffpiloten mit Klasse II-Lizenz, doch damals schien es das einzig Richtige zu sein. Und so verpasste ich mir kurzerhand den nichts sagenden Titel "Ermittler", als Sancho eines Tages an meinen Tisch kam und mich nach meinen Plänen fragte. Nicht dass es auf Proxima V viel zu ermitteln gab. Aber es schien mir eine gute Tarnung zu sein, nicht allzu weit von der Wahrheit entfernt und vage genug, um alles zu bedeuten.

        Hier saß ich nun in "Sanchos Pianobar" und zählte trübsinnig die Kringel, die zahllose Gläser auf dem unansehnlichen Tisch hinterlassen hatten. Trübe waren auch meine Aussichten, so trübe wie der ewig wolkenverhangene Himmel von Proxima, denn die paar Stellars in meiner rechten Tasche waren meine gesamte Barschaft und mein Vorrat an E.T.-Kitsch schmolz ebenfalls dahin. Der Großteil meiner Einheiten war für die schäbige Passage zu diesem gemütlichen Grenzposten draufgegangen. Der namenlose Pilot der "Suzie Q" hatte kräftig die Hand aufgehalten, als er gemerkt hatte, wie dringend ich verschwinden musste. Dafür schleuste er mich ohne genaue Prüfung meiner ID-Card durch die Kontrollen von Callisto-Spaceport.

        Dass ich auf Proxima gelandet war, war reiner Zufall. Ich hatte vorher nicht in dem zweifelhaften Reiseführer gelesen und konnte es mir ohnehin nicht leisten, bei der Auswahl meines Reiseziels allzu wählerisch zu sein.

        Doch meinen Lebensunterhalt als Schürfer verdienen wollte ich nun wirklich nicht. Während meiner Zwangsverpflichtung bei der Raumgarde hatte ich mich meistens erfolgreich um schwere Arbeit gedrückt, warum sollte ich mich gerade jetzt ändern? Ich war Pilot und kein Grabschaufler 2) . Und was das anbelangte, ich konnte kaum erwarten, wieder ein Raumschiff zu fliegen, irgendein Raumschiff.

        Ich war auch ein ganz passabler Pokerspieler. Vor den neuen Antivergnügungsgesetzen hatte ich mir damit auf der Erde mein Geld verdient. Auf Proxima waren meine Talente fehl am Platz. Wer hier genügend Stellars zusammenraffen konnte, machte, dass er wegkam, und hielt sich nicht mit Kartenspielen auf. Außerdem brauchte man Startkapital um in eine gute Runde einzusteigen.

        "Darling Clementine" klimperte der Denebianer, den Sancho als Pianisten beschäftigte. Ich schaute ihm fasziniert über die Schulter - na ja, über die Stelle, wo die Schultern säßen, wenn Denebianer welche hätten. Bis ich nach Prox V kam, hatte ich diese geheimnisvolle Spezies noch nie so aus der Nähe beobachten können. Den Deneb schien meine Neugierde nicht stören - vielleicht bemerkte er mich überhaupt nicht -, er wechselte routiniert zu einem Gassenhauer: "Ein Sack voller Sterne für ein Mädchen wie dich". Vor zwei Jahren war der Song in jeder Hafenkneipe des terrestrischen Sektors zu hören gewesen.

        Plötzlich ging die Sonne auf: "Sie" kam zur Tür hinein. Ich wusste sofort, dass sie neu auf Prox sein musste, ihr Anblick wäre mir bestimmt unvergessen geblieben. Obwohl ihr Haar vom Regen nass war, ahnte ich, dass es die Farbe von reifem Mais hatte, und ihre Augen, da ging ich jede Wette ein, waren kornblumenblau.

        Anscheinend war sie gelaufen, denn sie war außer Atem. Sie stand bei Sancho an der Bar und unterhielten sich mit ihm. Es sah so aus, als würden sie sich kennen, seltsam. Ab und zu schauten sie angelegentlich zu dem Platz, an dem ich mit meinem, ich glaube, dritten oder vierten Drink saß. Könnte auch mein fünfter gewesen sein - ich war gerade in der Stimmung, in der man aufhört zu zählen. Schließlich kamen sie zu mir herüber.

        "Das ist der Mann, den Sie suchen, Señorita." Sancho verließ uns mit der Andeutung einer galanten Verbeugung.

        Ich war versucht, von meinem Stuhl aufzustehen, aber da hatte sie schon mit einem "Sie gestatten?" Platz genommen. Aus einer kleinen Handtasche zog sie ein Päckchen Filterzigaretten. Ich lehnte mich über den Tisch um ihr Feuer zu geben und musterte sie unauffällig. Dabei bemerkte ich, dass sie Mitte zwanzig sein musste. Und ihre Augen waren wirklich kornblumenblau.

        "Was trinken Sie, Miss ...?"

        "DeVille, Lorraine DeVille. Einen Sidecar bitte." Sie hatte eine leicht heisere Stimme, aber vielleicht hatte sie sich auch nur in dem "ausgeglichenen Klima"erkältet. Sei's drum, ich mag diese leicht heiseren Stimmen.

        "Sancho, die Lady möchte einen Sidecar trinken", rief ich zur Bar. Und einem spontanen Einfall nachgebend bestellte ich für mich ein Nebelhorn. Dabei entging mir nicht, dass die Blicke aller Anwesenden auf uns beziehungsweise auf die junge Dame gerichtet waren.

        Falls Sancho noch nie einen Sidecar gemixt hatte, ließ er es sich nicht nehmen, den Barkeeper von Welt zu mimen. Seit die Lady sein Lokal betreten hatte, drehte er tüchtig auf - ganz der mexikanische Caballero.

        Ich musterte mein Gegenüber noch etwas ausgiebiger, doch nicht ohne Wohlwollen. Ihre Kleidung, vermutlich aus weganischer Seide, sah sehr exklusiv aus. Nicht dass ich Experte für Damenkleidung bin. Privat interessiere ich mich eher für das, was drin steckt, und Miss DeVille gefiel mir in dieser Hinsicht nicht schlecht.

        Unsere Drinks kamen. Falls der Inhalt ihres Glases nicht Miss DeVilles Erwartungen entsprach, war sie höflich genug, es sich nicht anmerken zu lassen. Auf diesen Grenzplaneten konnte man froh sein, wenn einem nicht irgendein Alien Schwefelsäure servierte. Die Lady sah allerdings nicht so aus, als ob sie schon viel auf den Außenposten unseres Systems rumgekommen war.

        Sie zog sich einen ihrer langen Handschuhe aus, und zwar so aufreizend, dass Sanchos Gäste, mich eingeschlossen, fasziniert starrten. Der Denebianer wechselte von "Ein Sack voller Sterne ..." zu einem alten Schlager: "Put the Blame on Mame". Die Lady probierte vorsichtig einen Schluck von ihrem Drink. Unzweifelhaft hatte sie Stil und ich musste zugeben, dass ich von ihrem kleinen Auftritt beeindruckt war. Ich hob mein Glas, prostete ihr zu und kippte das Nebelhorn in einem Zug. Mein Kopf klärte sich beinah schlagartig.

        Es fiel ihr sichtlich schwer, einen Anfang zu finden, und so versuchte ich etwas Konversation zu machen. "Zum ersten Mal auf Proxima, Miss DeVille?"

        Sie nickte, blickte dann wie um Hilfe suchend zu Sancho und sagte, indem sie sich vertraulich über den Tisch beugte: "Ich bin in Schwierigkeiten, und der Besitzer dieser Bar meinte, dass Sie mir vielleicht helfen könnten, Mister ...?"

        "Luke, einfach nur Luke", sagte ich geistesabwesend und starrte in ihren großzügig präsentierten Ausschnitt.

        Sie bemerkte meinen Blick, verhielt jedoch in ihrer aufreizenden Position. Ich lehnte mich zurück. Diese Art Spielchen waren mir nicht fremd. Lichtjahre entfernt hatte sie ein Rotschopf namens Ruthie-Lee in allen Varianten beherrscht. Ruthie-Lee war es auch gewesen, die mir damals den Abschied von der Erde erleichtert hatte. Damals, als ich ein Greenhorn galaktischen Ausmaßes gewesen war und, kaum auf Mars angekommen, von der Raumgarde auf vier Jahre zwangsverpflichtet wurde.

        "Es stimmt doch, dass Sie Aufträge annehmen?", unterbrach sie meine Gedanken.

        "Aufträge welcher Art?", erkundigte ich mich vorsichtig.

        Es konnte ja sein, dass ich ihren Erbonkel umlegen sollte oder so ähnlich. Und für solche Jobs bin ich der falsche Mann. Obwohl ich gestehen muss, dass ich mich manchmal hart am Rande der Legalität bewege, habe ich meine Grundsätze, und die entsprechen meiner ganz persönlichen Moral.

        Miss DeVille antwortete nicht. Sie spielte verträumt mit ihrem inzwischen leeren Glas. Ihre Sammlung an Ablenkungsmanövern schien unerschöpflich. Vielleicht wollte sie mich aber auch nur dezent darauf aufmerksam machen, dass es Zeit für eine neue Runde war.

        Eigentlich wäre dies der richtige Moment gewesen, mich von der Lady zu verabschieden. Ich hatte kein gutes Gefühl bei der Sache. Wieso sprach sie ausgerechnet mich an, Luke Unbekannt im Nirgendwo? Solange ich nicht sicher war, ob ich die Typen, die mir der dicke Gharf wahrscheinlich auf den Hals gehetzt hatte, erfolgreich abgehängt hatte, legte ich keinen Wert darauf, mein Gesicht überall auf dem Planeten rumzuzeigen. Andererseits ...

        Ich wog das Für und Wider unter Zuhilfenahme eines zweiten Nebelhorns ab - diesmal schmeckte der Drink schon besser. Ich war nicht zum ersten Mal in meinem Leben völlig abgebrannt, und bisher hatte sich immer irgendwas gefunden, doch da ich von diesem Schlammplaneten nicht so schnell wegkommen würde, beschloss ich, mir ihre Geschichte anzuhören. Vielleicht war Miss DeVille genau dieses "Irgendwas", das mir aus meiner derzeitigen Zwangslage heraushelfen konnte. Also signalisierte ich Sancho "noch einen für die Lady" und setzte ein erwartungsvolles Gesicht auf.

        "Ich suche einen Siriten", verriet sie mir zögernd.

        "Großer Raum, was haben Sie mit einem Siriten zu schaffen?", entfuhr es mir.

        Die Bewohner des Sirius-Systems gelten als die exotischsten unter den Fremdweltlern dieses Quadranten. Ihre Art zu denken unterscheidet sich in etwa wie die einer Vogelspinne von der eines Menschen. Auch was ihr Aussehen betrifft, ist der Vergleich nicht völlig verkehrt. Obwohl sie außerhalb ihres Systems immer dick vermummt sind - ihre Heimatwelten werden von dem extrem heißen Licht einer Doppelsonne bestrahlt -, kann man ihre arachnoiden Gliedmaßen erahnen. Und so unergründlich wie ihre Handlungsweisen, von emotionsloser Rationalität und ohne eine Spur Loyalität selbst der eigenen Spezies gegenüber, sind ihre großen Facettenaugen.

        Mich hatte es bei den wenigen Begegnungen mit Siriten immer kalt überlaufen. Dabei war ich durch meine Zeit bei der Raumgarde an den Anblick von eigenartig aussehenden Aliens gewöhnt, ohne dass ich, wie so viele meiner eigenen Spezies, gleich eine Xenophobie entwickelt hätte.

        "Kharf-Lin war der Partner meines lieben Onkels Jack. Vor einigen Monaten haben sie wohl Streit bekommen und mein Onkel ist seitdem verschwunden. Kharf-Lin hat meine Familie benachrichtigt und wir waren sehr beunruhigt, denn Onkel Jack ist schon sehr alt." Sie sah mich betrübt an.

        Sehr bereitwillig kam sie mit ihren Informationen nicht rüber. Ich vermutete, dass nicht nur die Sorge um einen alten Onkel sie hergebracht hatte - niemand kommt ohne zwingenden Grund nach Proxima - und versuchte Licht in die Angelegenheit zu bringen, indem ich sie von der sentimentalen Onkel-Schiene runterbrachte.

        "Sie sagen, Ihr Onkel und dieser Sirite waren Partner. Waren sie im Schürfgeschäft?"

        Widerstrebend gab sie dies zu. Doch schon flog die nächste Worthülse in meine Richtung. "Ich kann mich noch gut an Onkel Jack erinnern. Sie müssen wissen, Luke, mein Onkel war schon immer ein richtiger Spacehopper. Wenn er dann von seinen Reisen zurückkam ..."

        "Kommen Sie, Lady, das führt doch zu nichts." Allmählich bekam ich das Gefühl, dass ich meine Zeit vertrödelte. Sie war zwar sehr nett anzusehen, aber dafür konnte ich mir nichts kaufen. Die beiden Nebelhörner hatten das bedröhnte Wohlgefühl meiner nachmittäglichen Tequila-Dosis aufgelöst. Ich merkte, wie ich reizbar wurde. "Irre ich mich, oder sitzen wir hier, weil Sie mich für einen Job anheuern wollen?" Das war eine rhetorische Frage, doch sie nickte zerknirscht. "Also, Ihr Onkel - war er fündig geworden?"

        Sie murmelte etwas.

        "He? Sagten Sie Ruthenium*?" 3)

        "Nein." Sie flüsterte fast. "Rutil."

        Ich stieß einen Pfiff aus. Das ließ die Sache allerdings plausibel erscheinen. Im Sirius-System waren die Vorkommen an Titaneisen fast vollständig erschöpft. Und da Proxima V seit den terrestrisch-siritischen Verträgen gemeinsam zu nutzendes Territorium war, waren siritische Schürfer auf Proxima nichts Besonderes. Eigenartig allerdings, dass sich ein Sirite und ein Terraner zusammengetan haben sollten. Ich rekapitulierte, was ich, seit ich hier war, über das Schürfgeschäft aufgeschnappt hatte.

        "Wurde der Claim registriert?"

        "Ich weiß es nicht. Und ich konnte es noch nicht in Erfahrung bringen." Nervös spielte sie mit ihrem Glas.

        "Wie lange sind Sie schon auf Proxima?"

        "Ich bin gestern mit der Star of Ganymed angekommen."

        Ich zuckte innerlich zusammen, als sie "Ganymed" sagte. Der Name des Jupitermondes weckte böse Erinnerungen, doch davon wollte ich mich nicht beeinflussen lassen.

        Der Denebianer hatte seinen Vortrag am Klavier beendet und machte jetzt die übliche Runde durch das Lokal. Als er an unseren Tisch kam, gab ich ihm einen Viertel Stellar. Das ging zwar bei weitem über meine Verhältnisse, aber ich wollte vor der Lady nicht knauserig erscheinen. Außerdem, sollte an dieser Rutil-Sache was dran sein, würde mein Honorar nicht zu knapp ausfallen. Ich überschlug kurz, wie hoch die in solchen Fällen übliche Prämie sein würde. Zu meiner Überraschung blinzelte der Deneb verschwörerisch, ehe er zum Nebentisch ging. Seltsam.

        "Haben Sie schon bei der P.M.C. nach Ihrem Onkel gefragt?"

        "Wo?"

        "Proxima Mining Company", erklärte ich. Sie schien tatsächlich erst gestern angekommen zu sein.

        "Nein, ich habe nur in meinem Hotel gefragt, ob er da bekannt ist."

        Ich traf eine Entscheidung. "Okay, Miss DeVille, ich übernehme Ihren Fall. Fünf Stellars am Tag plus Spesen. Und sollte der Claim ergiebig sein, zehntausend Prämie."

        Sie schnappte hörbar nach Luft. "Was fällt Ihnen ein. Ich habe an dem Claim ..."

        "Na, na, nun bleiben Sie mal realistisch, Lady. Sie und ich, wir wissen doch beide ganz genau, dass in der Sache 'ne Menge Geld steckt. Und Sie wollen sich doch auch nur 'n Stückchen vom Kuchen abschneiden."

        Erstaunlicherweise schluckte sie das. Sie griff in ihr Handtäschchen, zog ein Bündel Stellars hervor, zählte fünfzig Einheiten ab und legte sie vor mir auf den Tisch.

        "Reicht das als Vorschuss?"

        Ungerührt strich ich das nette Häufchen ein. "Haben Sie irgendwelche Unterlagen, die mir bei der Suche helfen könnten?"

        Sie kramte erneut in ihrem Täschchen und reichte mir einen Holowürfel. Als ich ihn in die Hand nahm, zeigte er das Abbild eines dümmlich grinsenden Mannes in den Siebzigern und einen nicht weniger dämlich aussehenden Siriten. Beide trugen das typische Miner-Outfit: hüfthohe Stiefel, Utensiliengürtel und Schutzcape. Die Landschaft im Hintergrund gab mir nicht den geringsten Hinweis. Sie war so trostlos wie überall auf diesem miesen Planeten. Und was diesen Kharf-Lin anbelangte, er sah aus wie alle Siriten, hässlich. Ich war bemüht, mir meine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen, und steckte den Würfel ein.

        "Das wär's dann erst mal." Ich stand auf. "Wo kann ich Sie erreichen, wenn sich etwas Neues ergibt?"

        "Ich wohne im Proxima-MacRenaissance. Wissen Sie, wo das ist?"

        "Ich bringe Sie hin."

        Die Gegend, in der Sanchos Pianobar lag, gehörte nicht zu den besten. Und was nützte mir eine Klientin, die man womöglich am nächsten Tag mit durchgeschnittener Kehle auffand. Auf Proxima herrschten raue Sitten, und hier an der Peripherie des terrestrischen Territoriums nahm man das Gesetz nicht so genau.

        An der Tür griff ich mir meinen Regenschutz, winkte Sancho kurz zu und tauschte einen der seltenen trockenen Plätze auf Proxima gegen die nie endenden sintflutartigen Regenfälle ein.

        "Puh, das regnet ja immer noch." Miss DeVille lugte nach draußen und rümpfte ihr hübsches Näschen.

        Ich musste sie aufklären, dass sich die Wetterlage so lange nicht verbessern würde, bis sie im nächsten Raumschiff saß. Sichtlich unangenehm berührt musterte sie mich. Doch das Einzige, was ich zur Veränderung der Lage beitragen konnte, war ein Regenschutz, den mir Sancho für meine Klientin lieh.

        Mit vorsichtigen Schritten folgte sie mir auf die schwankenden Stege, die hier als Gehwege dienten.

        Das Proxima-MacRenaissance war eines der wenigen ansehnlichen Gebäude in Prox-City. Ich war, meinen finanziellen Möglichkeiten entsprechend, in einer sehr viel bescheideneren Unterkunft abgestiegen. Das war nicht immer so gewesen, gab es doch eine Zeit, da hatte ich im Marsport-MacRenaissance gewohnt. Damals, kurz nach meiner Entlassung aus der Garde, als eine gleichermaßen anmaßende wie unwiderstehliche Lady namens Rhiannon von Dardariee mich engagiert hatte, ihr beim Diebstahl einiger sehr wertvoller Schwingkristalle zu helfen. Eigentlich war es kein richtiger Diebstahl. Die Steine gehörten Rhiannon, und ein gewisser Handelsherr Gharf von Ganymed hatte sie sich zuvor unrechtmäßig angeeignet. Doch dieser Auftrag führte dazu, dass ich auf Proxima Centauri festsaß und meine Selbstvorwürfe in Tequila ertränkte.

        Und jetzt sah es so aus, als würde ich schon wieder einer Lady in Not helfen. Allerdings hatte ich starke Zweifel, was Miss DeVilles Motive betraf. Als die Sprache auf den Rutil-Claim kam, war so ein gieriges Funkeln in ihren kornblumenblauen Augen gewesen, das so gar nicht zu der besorgten Nichte passen wollte.

        Ich begleitete meine neue Klientin bis zum Eingang ihres Hotels, wohl wissend, dass hier eine Sicherheitssperre eingebaut war. Die Öffnungsmechanik akzeptierte ihre ID, aber das konnte alles Mögliche bedeuten: Entweder wohnte sie tatsächlich im ProxMac, oder ihre Auftraggeber. Denn irgendwie glaubte ich nicht, dass sie eigenes Geld in die Suche nach dem "lieben Onkel Jack" steckte. Meine Leichtgläubigkeit hatte ich vor rund zwanzig Jahren abgelegt - Rückfälle nicht ausgeschlossen. Ich verabschiedete mich und versprach, mich zu melden.

2

        Inzwischen war es beinahe schlagartig dunkel geworden, und das rotgraue Licht der Zwergsonne war einem schmutzigen Schwarzgrau gewichen. Nur langsam tauchten die beiden Doppelplanetoiden Proxima IV und III am Horizont auf, und die Wolkendecke des Planeten ließ nur einen diffusen Schein durchdringen. Ich konnte ungefähr so weit sehen, wie mein ausgestreckter Arm reichte.

        Mit jedem Tag, den ich auf diesem anheimelnden Matschplaneten verbrachte, wurden die Flüche ausdrucksstärker, mit denen ich den Ehrenwerten Handelsherrn Gharf und seine Killertruppe bedachte, denen ich diesen Zwangsurlaub verdankte. Doch auch mein Ex-Partner Lowell O'Neill bekam seinen Teil an gut sortierten Flüchen ab. Dabei war ich offenen Auges in den Schlamassel geraten. Schon einmal hatte mich der alte Raumtramp ausgetrickst, damals in Marsport, als er mich an die Raumgarde verkaufte. Aber ich wollte es ja nicht anders und ging eine Partnerschaft mit ihm ein - ein Versicherungsfall. Die versprochene Prämie, für die ich Informationen über einen verschollen Frachter liefern sollte, machte mich unvorsichtig. Und jetzt ließ ich mich schon wieder auf einen Prämienfall ein. Großer Raum, ich lernte es wohl nie.

        Wie es wohl Onkel Jack mit seinem siritischen Partner ergangen war? Hatte ihn dieser auch kurz vor der Ziellinie ausgepunktet?

        Ohne dass ich es gemerkt hatte, befand ich mich wieder im Rotlicht-Bezirk. Nur noch ein paar Blocks, und ich war in meinen mehr als bescheidenen vier Wänden. Verglichen mit meinem letzten Wohnort, dem "Callisto-Hightower", wo mich Handelsherr Wu einquartiert hatte, war das YMCA ein wirklich einzigartiger Abstieg. Meine Hand schloss sich um Miss DeVilles Anzahlung. Gleich morgen früh wollte ich mir eine bessere Unterkunft suchen. Nicht das ProxMac, aber vielleicht das Miners Inn - schließlich war ich jetzt im Schürfgeschäft, irgendwie.

        Plötzlich vertrat mir ein abgerissener Typ den Steg. Als ich zurückweichen wollte, lief ich geradewegs in ein Vibromesser. Auch wenn ich in Marsport als Kerl bekannt gewesen war, der sich prächtig prügeln konnte, mit einem Vibromesser an der Kehle vergeht einem irgendwie sämtliche Initiative.

        Ich verfluchte lautlos meine Unachtsamkeit. Wäre ich mit meinen Gedanken nicht woanders gewesen, hätte ich sie längst bemerkt - sie mussten schon seit einer Weile hinter mir hergeschlichen sein. Es war fast komisch, sobald ich ein paar Stellars extra in der Tasche hatte, kam jemand vorbei, der sie mir abnehmen wollte.

        Die beiden Typen, ihre Gesichter konnte ich nicht erkennen, packten mich unsanft und drängten mich gegen die Schleuse eines zur Lagerhalle umgebauten Containers. Eine einzelne Leuchtkugel hing über dem Eingang und schien mir grell in die Augen. Eine Hand packte grob mein Kinn und drehte mein Gesicht unter der Leuchtkugel hin und her.

        "Was meinste, ist das der Kerl?"

        "Möglich. Die Beschreibung haut hin, find ich."

        Großer Raum, ich merkte, wie mir die Knie weich wurden, das waren keine gewöhnlichen Straßenräuber. Gharf hatte mich tatsächlich aufgespürt! Ob er mir seine hauseigenen Halsabschneider, Piraten oder Kopfgeldjäger auf den Hals gehetzt hatte, war ohne Bedeutung.

        Ein leises Klicken war zu hören. Was passierte hier?

        Plötzlich bremste ein Schlammgleiter direkt vor der Lagerhalle. Eine Fontäne aus Wasser, Schlamm und Müll spritze auf.

        Ich spannte mich an. Sollte ich einen Ausbruch wagen? Sie würden mich in den Gleiter stoßen und zu Gharf bringen, so viel stand fest. Wenn ich doch nur etwas erkennen könnte...

      


  • Mexikaner sind eine ethnische Minderheit auf dem früher Nordamerika genannten Kontinent von Terra (Erde)

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  • Neben den Schlammpaddlern gehören die Grabschaufler zu der einheimischen Fauna von Proxima V. Sie tun nicht viel mehr als sinnlose Tunnelbauten anzulegen (in gewisser Weise ähneln sie hierin einigen Minern), vorzugsweise jedoch unter bebauten Flächen. Manches Schürfercamp ist auf diese Art schon Metertief im Schlamm versunken. Der Grabschaufler ist einer der Gründe, weshalb hier fast alles auf Pfähle gebaut wird.

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  • Ruthenium ist ein sehr schwer schmelzbares Edelmetall, das in der Verbindung mit Platin vorkommt. Auf Proxima V sind keine Ruthenium-Vorkommen bekannt.

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