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wir haben viel zu spät erkannt, dass wir den Krieg gegen die illegalen Drogen nicht in Südamerika verloren haben. In unseren eigenen Küchen, un-ter unseren Augen, haben sie Drogen gemixt und das tödliche Zeug an ihre Freunde verkauft - unsere Kinder, ich spreche von unseren Kindern!"
Senator Edward Post, Auszug aus seiner Wahlkampfrede im März 2049 beim Bankett der Jahresversammlung der DCU
Jedes Jahr schluckt die Downtown ein paar Blocks. Jedes Jahr rennen ein paar Irre mehr durch die Straßen - kriechen nachts aus ihren Verstecken, aus ihren Hinterhöfen, Mülltonnen. Kommen aus ihren Penthäusern in der Oberstadt, verlassen ihre Hightech-Luxusfestungen auf der Suche nach dem großen Kick. Sie wollen das Aroma von Gewalt und illegalen Drogen auf ihren Lippen schmecken, jenen Drogen, die den Kreuzrittern entgangen sind, und Gewalt, die käuflich ist. Denn sie suchen jene Art der Anonymität, wie sie nur Durchreisenden mit hohem Kredit gewährt wird.
Junkies und Dealer, Bordsteinschwalben und Zuhälter, nichtregistrierte Outsider und Straßengangs, bewaffnete Privat-Armeen. Sie alle sind Figuren in einem großen, gefährlichen Spiel mit Regeln, die sich täglich ändern. Leben in der Downtown, das ist nur eine andere Art sich umzubringen.
Downtown ist das Synonym für Abstieg. Lebensmittelkarten für Ersatznahrung, Massenunterkünfte, Wasserrationierung im Sommer, Smog das ganze Jahr, Terror in den Straßen. Kleine Geschäftsleute ohne Protektion, die ihre Straße, ihre Nachbarschaft nicht verlassen wollen, die noch ans Gestern glauben. Einwanderer, die noch auf ein Morgen hoffen. Sie alle werden von der Unter-Stadt gefressen und anschließend auf die Straßen gekotzt.
Raumfahrtprogramme für die wenigen mit Illusion, doch wer träumt schon zwischen Horror-Trips, miesen Deals und verpassten Gelegenheiten von den Sternen?
Dazwischen die DWNTN-Cops, sammeln den Dreck ein, wahren den Schein. Bleibt noch die City Force, die das Chaos zusammenhält, wenn die Killerkommandos der Triaden und Kartelle auf jedes bewegliche Ziel das Feuer freigeben, wenn die Drogenbosse um Territorien und Kunden kämpfen und sich die Gangmitglieder in den Straßen abstechen wie jedes Jahr in den heißen Sommermonaten.
Dies ist meine Stadt, hier bin ich aufgewachsen - nachdem. Nach jenem Tag, an dem sich alles veränderte. Dem Tag, als meine Welt über mir zusammenstürzte und alles auslöschte, sogar meine Erinnerungen. Damals, an jenem Tag, da war ich genau drei Jahre alt - so hat man es mir jedenfalls erzählt. Kein gutes Alter, um für immer Abschied von der Kindheit zu nehmen. Nein, wirklich nicht.
Man sagt, das Heim ist wo das Herz ist. Wirklich, ein toller Witz. Glaubt ihr etwa, mein Herz wäre in der Gosse? Und doch bin ich hier zu Haus. Straßenratte Donovan. Geboren, um auf der Straße zu leben, geboren, um in den Straßen zu sterben. Nur eine Nummer in der jährlichen Statistik. Klingt das etwa zynisch? Vielleicht hab ich einfach zu viele gesehen, die so endeten - Freunde und Fremde. Ein Leben wie in einem Sciencefiction-Film - "Soylent Green ist Menschenfleisch, Soylent Green ist Menschenfleisch!" - diese Stadt frisst ihre Bewohner.
Da sind die Monate, die ich aus meinem Kopf gestrichen habe. Monate, die mich hart gemacht haben, hart und einsam. Monate, in denen ich meinen Namen vergaß. An meinen Händen sind noch Schwielen, an meinem Körper Narben. Sie sind da, um mich zu erinnern, auch wenn ich nur noch vergessen will. Und jetzt bin ich wieder in der Stadt, willkommen zu Hause, Donovan.
Doch ich kann nicht sagen, dass mir die Aussicht gefällt, ewig in einem Schlafsaal zu wohnen, mit diesem ständigen Gestank nach ätzenden Desinfektionsmitteln und saurem Erbrochenem. Ein Gestank wie in einer dieser sterilen Ausnüchterungszellen bei den DWNTN-Cops, und keine Chance, ihn dir jemals abzuwaschen. Denn dieser Gestank der Verlierer, der dringt dir bis unter die Haut, legt sich auf deine Seele.
Werd Dealer, arbeite dich als Schläger in 'ner Gang nach oben oder geh zur City Force. Hat alles irgendwie keine Zukunft, macht die paar Jahre, die du hast, nur etwas komfortabler. Ich weiß nicht mehr genau, warum ich die letzte Möglichkeit wählte, damals schien sie der beste Weg zu sein. Einer ihrer Scouts sammelte mich auf, als ich ziemlich weit unten war und dachte, weiter runter geht nicht. Das war, bevor sie mich für zwölf Wochen ins Trainingslager steckten. Zwölf Wochen, die wie zwölf Jahre waren.
Da testen sie dich. Psychoprofil, Reaktionszeit, Kampf ohne Waffe, Zielschießen mit Laserpistole. Geben dir Waffen und Zeugs, von dem du nie gedacht hättest, dass so was überhaupt existiert. Bringen dir aber auch Sachen bei, die du schon konntest, wärst sonst längst von der Straße geputzt worden. Wenn du allein bist, hast du nur eine Wahl: schnell sein und wissen, wie man sich unsichtbar macht, wenn die anderen in der Überzahl sind. Willst du da draußen älter als vier Tage werden, hast du es längst auf die harte Tour gelernt. Die haben auch so ein Auswahlverfahren in der DWNTN, lassen nur die Cleversten überleben.
Schaffst du ihr Training ohne auszuticken, sagen sie dir: Jetzt wird's nur noch härter. Als City Force-Agent bist du so 'ne Art Zielscheibe. Hey, war's das nicht, was du immer wolltest? Scheiße.
Die Cops hassen dich, weil du besser bist, mehr Privilegien hast. Die auf der Straße hassen dich, weil du deine Chancen genutzt hast. Und für deine Freunde hast du die Seiten gewechselt. Nur die großen Bosse, Verräter und Politiker haben den gleichen Kredit wie die Agenten der CF. Das macht uns irgendwie gleich, macht uns verdächtig. Scheiß Spiel. Das Gesetz der Straße sagt: Bist du nicht einer von uns, bist du unser Feind.
Klar, sie bieten dir den Ausgleich - Dinge, die das Leben erträglicher machen. Ein eigenes Bett, sogar ein eigenes Zimmer für Rekrut Donovan, größere Rationen, medizinische Versorgung, Kredit.
Bestehst du die Tests, kriegst du dein Abzeichen, Sub-Implantat, 3D-Holotattoo und SCom, dann schicken sie dich auf die Straßen - zum Abschuss freigegeben -, teilen dir einen Partner zu und geben dir begrenzten Zugang zu ihrer Datenbank. Begrenzt ist das Wort, denn jeder hat seine kleinen Geheimnisse, auch die City Force.
Bounty-Arsch und Space-Teenie
Vertrauen ist unser Geschäft.
Vertraue Bounty, und deine Lieben kommen sicher zu dir heim.
Bounty - dein lizenzierter K&R-Vermittler
Zuerst kommen die Routinefälle, Bodyguard-Jobs, verdeckte Ermittlungen, Vermisstenmeldungen, Personenüberwachungen, dann Lösegeldübergaben, Undercover-Einsätze, alles, was außerhalb der üblichen Polizeiarbeit ist, alles, was die DWNTN-Cops nicht packen. Bist du gut im Job, kommst du an die Prämienfälle, an das große Geld.
City Force-Agenten - immer etwas am Rande der Legalität, mit Kontakten und Privilegien und mit Sergeant Fraser, meinem neuen Boss. Er lauert in seinem Glaskabuff wie ein fettes Krabbeltier. Beobachtet uns, beobachtet mich.
"Kommen Sie rein, Donovan." Breitärschig sitzt er auf seinem dreibeinigen Bürostuhl. Fraser hat die Körpersprache von jemandem, der es nicht mehr nötig hat, in den Straßen seinen Hals zu riskieren. Ich frag mich, ob er's jemals nötig hatte. Es gibt viele Wege, zu einem Job zu kommen, nicht nur in der Uptown. "Sie sind so weit. Sie wurden DelMonico zugeteilt."
Er erwartet nicht, dass ich darauf etwas sage, hat den Blick schon abgewandt, tut, was auch immer er zu tun hat - in der Nase bohren, seine illegalen Kredits zählen. Ich gehe an meinen Platz. Bereit zu warten.
"He, Donovan!" Sie steht mitten im Raum, die Hände in die Hüften gestemmt, jeder Zoll ihres Körpers sagt: 'Ich bin da, wo ich sein will'. "Donovan!" Sie ruft meinen Namen nicht, sie brüllt ihn.
Köpfe fahren hoch, sehen missbilligend erst in ihre, dann in meine Richtung. Sie fängt die Blicke ab, folgt ihnen mit zusammengekniffenen Augen, die an mir hängen bleiben.
"Du bist Donovan?"
Ich nicke. Mir ist dieser Auftritt peinlich. Ich mag es nicht, wenn alle Blicke auf mir ruhen. Fühle dann immer noch den Dreck der Vergangenheit auf meiner Haut, unter meinen Fingernägeln.
"Frisch aus dem Lager?" Sie mustert mich abschätzend, die Linien in ihrem Gesicht sind keine Lachfalten. Ihre Lässigkeit gleicht der eines schlafenden Raubtiers, stahlharte Muskeln unter olivfarbener Haut. Muskeln, die erworben und antrainiert wurden und nicht bei "ShapeU" gekauft. Sie ist sich ihrer selbst so unglaublich sicher. Und ich beneide sie darum. "Geh'n wir 'nen Kaffee trinken, Partner?"
Sie betont das Wort "Partner". Da klingt ein "Du bist mir angehängt worden, aber das heißt noch lange nicht, dass du irgendwelche Rechte hast" mit. Partner sein, das muss verdient werden. Die Frau wird wohl richtig glücklich sein, dass Fraser ihr 'ne Anfängerin zugeteilt hat.
Ich nicke, unsicher, reibe unbewusst meinen Arm. Das Gewicht des SComs ist noch neu für mich, so neu wie der ganze Job. Sie bemerkt es und grinst. Typische Anfänger-Geste. Mein Gesicht glüht. Na, toll. Besser hätte ich mich überhaupt nicht vorstellen können. (...)
Und dann steh ich auf der Promenade. Um diese Tageszeit ist hier nichts los. Die Tarot-Buden und Garküchen sehen verlassen aus. Weiter unten am Pier, beim Flipper-Pavillon, versuchen ein paar Punks ein paar Bänke zu zerlegen - einer von ihnen trägt einen Spacesuit und einen neongrünen Irokesen. Space-Teenie.
Ich überlege, sitzt sie nur den Tag aus oder will sie etwas im Auge behalten - etwas Wertvolles, wie ein dreizehnjähriges Tauschobjekt.
Aggressive Stimmen hallen zu mir rüber, prallen an den Wänden der Spielhallen ab und verlieren sich im Nirgendwo. Da soll der Junge auch hin! Auf einmal macht alles Sinn. Der Bounty-Arsch mit seinem MiniCom. "Halt sie hin, bis wir das Problem gelöst haben." So läuft das doch bei diesen Typen - sie delegieren, eliminieren. Klingt alles furchtbar wichtig, hat aber nur eine Bedeutung: Beweise vernichten. Del hat den Finger in die Wunde gelegt, hat das Unwort ausgesprochen: Administration. Wollte provozieren. War sie zu schnell, sich ihrer selbst zu sicher? Wie kann ich es wagen, sie infrage zu stellen - ich, Donovan die Anfängerin?
Ich laufe den Pier hoch. Zweifel wiegen schwerer mit jedem Schritt. Was, wenn Del auf dem richtigen Weg ist? Schließlich kennt sie sich aus.
Die Planken dröhnen unter meinen Stiefeln, übertönen das Stimmengewirr. Köpfe fahren herum, Hände greifen reflexartig nach Butterflys und Wurfmessern. Space-Teenie erkennt mich, macht beschwichtigende Gesten zu ihren Clan-Leuten.
"Was willste hier?" Das Kinn vorgereckt, die Augen misstrauisch zusammengekniffen. Ihre Blicke wandern über meine Schulter. "Wo 'st dein Boss, CF?"
"Verhandelt mit Bounty." Ich zucke die Achseln. Gebe mich lässig. Bin hier nur mal so vorbeigeschlendert. Kein Stress, alles cool.
Sie grinst, spiegelt meine Körpersprache. Hab sie also noch drauf, die Straße. Gut.
"Und du, willste auch verhand'ln?"
"Klar, warum nicht?" Ich spüre, wie mir der Schweiß den Nacken runterläuft und sich zwischen meinen Schulterblättern sammelt. Das wird jetzt ganz sicher eine Nummer zu groß für mich. Doch zum Aussteigen ist es zu spät. Hat mich Del deshalb angewiesen, im Hintergrund zu bleiben? Warum kommt sie nicht? Ich soll ihr den Rücken freihalten, und was tut sie für mich? "Wo ist die Ware?", höre ich mich sagen.
Die Punks brechen in Gelächter aus. Plötzlich geeint.
"Was glaubste, wo de hier bist, CF?" Space-Teenie ist jetzt ganz nah, gibt mir einen leichten Schubs vor die Brust. "Bei der Liga der Hirntoten?" Der Ton ist schärfer, der DWNTN-Slang verschwunden. Zeit, Klartext zu reden.
"Erzähl mir nicht, dass du nicht weißt, was da hinten abgeht." Mein Kinn ruckt in Richtung Strandbar. "Der Bounty-Arsch will euch ablinken."
Sie zuckt gleichmütig die Schultern. "Mehr haste nich zu biet'n?"
"Denen ist es egal, ob der Kid den Abgang macht. Und wenn er geht, geht ihr mit, klar?" Jetzt bin ich am Zug, sie hören mir zu. "Ihr geht alle mit - keine Zeugen, klar?"
"Und was, wenn's uns auch egal ist, ob der Kid 'n Abgang macht?"
"Ist es aber nicht", behaupte ich.
"Seh'n wir aus wie Wohltäter?"
"Nee, aber wie schlaue Geschäftsleute. Ihr habt einen Ruf zu wahren." Noch mehr Behauptungen.
"Und was springt für uns raus?"
"Ihr bleibt am Leben." Ich bin jetzt ganz entspannt. "Ihr glaubt doch selber nicht, dass ihr noch mit Bounty verhandeln könnt. Der hat doch längst die Cleaner von der Zentrale angefordert."
"Kriegsrat", sagt sie knapp und winkt ihre Clan-Leute zusammen.
Die Zeit drängt. Weit entfernt, doch schnell näher kommend: City Jets, mindestens zwei.
Ich werde laut. "Also, wo steckt der Junge?"
Space-Teenie hört jetzt auch die CJs. Sie will den Deal schnell abschließen.
"Na hier." Sie tritt gegen eine morsche Kiste, die am Ende des Piers steht. Die Reste eines Rettungsrings fallen flockig auf die Planken und als Echo dringt ein unterdrückter Schrei aus der Kiste. Space-Teenie klappt den Deckel hoch und heraus kriecht der Junge - dreckig, ängstlich und voller Wut.
Und dann passiert alles auf einmal: Gepanzerte City Jets mit Bounty-Logos landen mitten auf der Promenade, spucken ein halbes Dutzend Bounty-Securitys in Vollkörperpanzern aus. DelMonico, die Van Burens und der Bounty-Arsch stürzen aus der Strandbar. Zusammen hetzen sie über den Pier, Del und die Bounty-Typen die Waffen im Anschlag.
Die Punks haben auch Waffen. Kompakte Heston-Derringers mit High Speed-Armierung.
"Plan 9!", schreit Space-Teenie.
Sie greift sich den Jungen als Schutzschild und zieht sich rückwärts in den Flipper-Pavillon zurück. Die Punks folgen ihr, die Umgebung sichernd. Ich folge ihr auch.
Drinnen gedämpftes Tageslicht durch gesicherte Fenster, elektrisches Glühen von den Automaten, gehetztes Atmen, Keuchen, Fluchen. Der Junge hockt wimmernd in einer Ecke, den Kopf in den Armen verborgen. Da ist keine Wut mehr, nur Angst. Ich habe auch Angst. Da draußen ist Del allein mit einer Meute schießwütiger Bounty-Ärsche, die nichts lieber täten, als alles Leben im Umkreis auszulöschen. Wie soll sie die zurückhalten? Und ich? Ich habe ja nicht mal eine Waffe!
"Hier!" Space-Teenie drückt mir eine Laser-Point der ersten Generation in die Hand. "Sieh zu, wie du klarkommst. Wir machen gleich den Abgang."
"Der Junge bleibt aber hier!" Wer bin ich, dass ich Forderungen stelle?
Sie grinst nur. Denkt wohl das Gleiche. Und dann kommen sie auch schon durch die Tür gebrochen. Zu spät für einen Abgang. (...)
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