William Gibson - Antiheld im Cyberspace - Q&A

Er gab der Sache einen Namen und machte sie in seinen Geschichten sichtbar: den »Cyberspace«. Doch zwischen der Legende William Gibson und dem Science-Fiction-Autor Gibson liegen Welten. Der Cyberspace »ist der Ort, wo die Bank mein Geld aufhebt«. Eine recht profane Definition für dieses mystisch-technische Hacker-Nirvana, besonders aus dem Mund des Cyber-Gurus, aber ein gutes Beispiel für Gibsons Bemühungen, sich selbst zu entmystifizieren. Vor mehr als fünfzehn Jahren schrieb Gibson seinen ersten Roman - in jenem berühmten, atemlosen Stil, der aus purer Panik, den Leser zu langweilen, entstanden war und der so typisch für das Cyberpunk-Genre werden sollte - Neuromancer (Neuromancer • 1987). Schon totgesagt, erlebt der Cyberpunk wieder einmal seine Auferstehung und mit ihm sein literarischer Vordenker.

Myra Çakan: Zuerst zu deinem aktuellen Roman Idoru (Idoru • 1996), der soeben im Taschenbuch in Deutschland erschienen ist. Ich habe mich gefragt, was ist eigentlich mit Berry Rydell, dem Protagonisten von »Virtuelles Licht«, schiefgelaufen? Zum Schluß schien er doch die Kurve gekriegt zu haben, und in Idoru nennst du ihn einen typischen Verlierer.

William Gibson: Vermutlich werde ich in meinem neuen Buch erzählen, was Rydell für Probleme hat. Ich stelle mir vor, daß er dort wieder eine zentralere Rolle spielen wird.

MÇ: Und was geschah mit seiner Freundin Chevette?

WG: Ich habe den schrecklichen Verdacht, daß die beiden unglücklich verheiratet sind und in Beverly Hills leben.

MÇ : Das bedeutet, daß du wieder eine Trilogie schreiben wirst? Ich dachte, das haßt du.

WG: Mein nächstes Buch wird tatsächlich den Abschluß einer Trilogie bilden - der Titel lautet All Tomorrow’s Parties. Meine Abneigung ist nicht gegen Trilogien - als eine miteinander verbundene Geschichte - gerichtet, sondern gegen die Art, wie dadurch das SF-Genre vermarket wird.

MÇ : Etwas hat mich beim Lesen von Idoru irritiert. Deine Protagonistin - ein Mädchen namens Chia Pet - hält sich gerne in interessanten virtuellen Räumen auf und trifft dort noch interessantere Menschen. Warum geht sie überhaupt noch auf Reisen?

WG: Die Antwort ist vermutlich in Chias unbewußter Erkenntnis zu finden, daß jeder, den sie im Netz trifft, sein Image manipuliert. Jede Netz-Erfahrung ist gleichzeitig eine gefilterte Erfahrung. Jedermann »präsentiert« sich. Du hast immer noch die besseren Karten, wenn es darum geht, die Wahrheit zu ergründen, wenn du von Angesicht zu Angesicht kommunizierst.

MÇ : Chia ist Fan der Rock Band Lo/Rez - wie hören die sich an?

WG: Etwa wie U2. Aber nur wenn U2 aus der Hongkonger »Canto-Pop«-Szene hervorgegangen wären statt aus der Dubliner Pub-Rock-Szene.

MÇ : Stimmt es wirklich, daß du deinen ersten Roman Neuromancer (Neuromancer • 1987) auf einer mechanischen Schreibmaschine geschrieben hast?

WG: Die Leute finden das ziemlich ungewöhnlich. Doch es ist ihnen nicht bewußt, daß es, als ich anfing, Science Fiction zu schreiben, noch gar keinen Macintosh gab. Und ich kannte auch niemanden, der einen PC hatte. PCs mußten damals noch von Grund auf programmiert werden, es gab noch kein DOS. Durch die SF-Convention-Szene traf ich dann Typen, die man als Computer-Buffs und Hacker bezeichnen könnte. Daß es Computer-Viren gibt, erfuhr ich durch zwei Frauen, die im Pentagon arbeiteten - ich glaube, das war 1980.

MÇ : Neuromancer wurde mittlerweile zum Kult, besonders in der Hackerszene, die dich für ihre Sache vereinnahmen möchte. Wie stehst du dazu?

WG: Dies ist ein - nicht unbedingt erfreuliches - Nebenprodukt meiner Arbeit. Ich bemühe mich sehr, meine Person zu entmystifizieren und in Interviews klarzustellen, daß ich eigentlich kaum etwas von Computern verstehe, nicht mal eine E-Mail-Adresse habe und kein Teil dieser Szene bin. Ich weiß nicht, ob es hilft. Die Leute wollen einfach glauben, daß ihr Lieblingsautor eine wirklich außergewöhnliche Persönlichkeit ist. Doch wenn man selbst dieser Schriftsteller ist, merkt man, wie albern dies eigentlich ist. Ich glaube nicht, daß ich als Autor ein aufregendes Leben führen muß, um interessante Bücher zu schreiben.

MÇ : Du erwähnst E-Mail - gibt es einen Grund, weshalb du nicht im Netz bist?

WG: Es ist schiere Agoraphobie und die Angst vor Menschenmengen. Was ich wirklich am allerwenigsten brauche, ist, daß mich Hunderttausende meiner Leser direkt über meinen Computer erreichen können. Nein, so nicht, tut mir leid, dann bin ich eben altmodisch. Einer meiner perversen Performance-Art-Pläne ist der, einen E-Mail-Anschluß mit der Ankündigung zu eröffnen, daß ich die interessantesten Nachrichten in einer Anthologie veröffentlichen werde.

MÇ : Aber nicht nur die Fans, auch die Medien haben ein ganz bestimmtes Image von dir. Weil du den Terminus »Cyberspace« erfunden hast, sehen viele in dir so eine Art Techno-Propheten ...

WG: Ich glaube, das Problematischste an meinem Job ist diese Vorstellung von Science-Fiction-Autoren als Visionäre und Seher. Und die Frage nach irgendwelchen Vorhersagen taucht in jedem Interview auf. Aber ich bin weder Isaac Asimov noch Arthur C. Clarke - und deren Trefferquote war nicht mal besonders gut.

MÇ : Man bedenkt dich auch mit allerlei schmeichelhaften wie absurden Attributen - »Erfinder der Virtual Reality« zum Beispiel ...

WG: Virtual Reality habe ich ganz gewiß nicht erfunden, aber die Typen, die daran arbeiteten, zeigten Neuromancer herum und sagten: »Ich kann nicht genau erklären, was diese Maschine macht, aber lies das.« Inzwischen hat Virtual Reality ein Image, das sehr stark an futuristische Zeichnungen aus den fünfziger Jahren erinnert - diese Autos mit Flügeln, von denen wir jetzt alle eines in der Garage haben sollten. Das hübsche Mädchen mit der Datenbrille, das in den Artikeln über VR abgebildet ist, hat den gleichen altmodischen Charme. Gleichzeitig stellt dieses Bild sehr exakt die Wechselbeziehung zwischen Menschen und Medien dar. In gewisser Weise haben wir alle ständig diese Datenbrillen auf und versuchen durch diese tumben Handschuhe, aus denen all die Drähte heraushängen, nach etwas zu greifen.

MÇ : Wie stehst du zu neuen Technologien? Mußt du zum Beispiel ständig den neuesten Macintosh haben?

WG: Überhaupt nicht. Ich hasse es, wenn ich neue Hardware kaufen muß, weil die neuen Modelle immer irgendwie halbgar sind, und kaum ist man aus dem Laden raus, ist das Ding schon wieder veraltet. Ich hätte am liebsten eine Maschine, die vor fünf Jahren top-in war. Ich brauche meinen Computer doch sowieso nur zur Textverarbeitung. Allerdings ich bin immer ein bißchen neidisch auf jene Leute, die in der Ecke ihres Monitors einen kleinen Fernseher haben. Nicht, daß ich selber so etwas haben wollte - doch es ist schon verführerisch. Als der Sony-Walkman neu herauskam, mußte ich so ein Ding unbedingt haben und legte mein ganzes Geld auf den Tisch, um den ersten in der Stadt zu kaufen. Ich halte den Walkman immer noch für die hippeste und lyrischste Nutzung von Technologie.

MÇ : Viele SF-Autoren, mit denen ich gesprochen habe, hören beim Schreiben Musik ...

WG: Manchmal lasse ich im Hintergrund das Radio laufen. Ich ziehe jedoch größeren Nutzen aus der Musik, wenn ich zum Ende eines Buches komme und einen bestimmten Ton beibehalten möchte. Dann suche ich ein Stück aus, das dieses Gefühl projiziert, und lege es in den CD-Player und schalte auf Repeat.

MÇ : Musik ist aber nur bedingt ein Mittel, um dich in eine bestimmte Stimmung zu versetzen?

WG: Die seltsamste Methode, die ich seit Jahren benutze - ich habe keine Ahnung, wie ich darauf gekommen bin, und staune immer über mich selbst - ich lese Reviews in Rockmagazinen, oft über Platten, die ich nie hören werde. Ich behandle sie wie Buchbesprechungen und überlege, wie das Buch wohl aussehen könnte. Ich bin dadurch schon auf tolle Ideen gekommen.

MÇ : Mir kommen die besten Einfälle immer unter der Dusche. Hast du bestimmte Orte, an denen Dir Ideen kommen?

WG: Nichts so Spezielles wie unter der Dusche. Ich habe jedoch die Erfahrung gemacht - gerade in den Jahren, als ich anfing, regelmäßig Fiction zu schreiben - daß ich irgendwann an einen toten Punkt komme. Ich bin dann in ein belebtes Café gegangen, einfach um unter Menschen zu sein. Ich hatte dann das Gefühl, etwas von diesem Leben nach Hause mitzunehmen. Schreiben ist eine einsame und merkwürdige Sache, soviel passiert unbewußt. Was ich auch gerne mache, wenn ich sehr intensiv an einem neuen Buch schreibe - ich kaufe Unmengen von Magazinen, Sachen, die ich sonst nie lesen würde. Ich blättere sie einfach durch und suche nach zufälligem Input. Viele meiner Lieblingsideen sind so zustande gekommen. So ist zum Beispiel der Voodoo-Kult in Biochips (Count Zero • 1986) hineingeraten. Ich las einen Artikel in einer alten Ausgabe von National Geographic über Voodoo in Haiti. Die Story hat sich dadurch total geändert.

MÇ : Hast du auch ein Lieblingsbuch?

WG: Von meinen drei ersten Romanen kommt Biochips dem am nächsten, was ich wirklich beabsichtigt habe - was auch immer das war. Nicht, daß ich meine Bücher jemals wieder lesen würde. Das Ende von Mona Lisa Overdrive (Mona Lisa Overdrive • 1988) hat in meinen Augen nie richtig funktioniert. Es war so, als würde ich einen Stuhlsitz polstern und - bei den letzten Kapiteln - merken, daß der Stoff zu knapp ist und überall Fäden heraushängen.

MÇ : Würdest du es umschreiben wollen?

WG: Oh nein, man kann nicht zum gleichen Ort zurückgehen, zu diesem seltsamen Geisteszustand. Und wenn ein Buch erst einmal im Druck ist, bin ich davon erlöst.

MÇ : Vor zwölf Jahren ist Neuromancer in Deutschland erschienen, und vieles von der Computer-Technologie ist heute veraltet. Gibt es etwas - außer der Technologie - was du anders schreiben würdest?

WG: Für mich ist der angesagteste Ort in Asien nach meinen derzeitigen Kenntnissen Saigon. Und würde ich heute Neuromancer schreiben, würde es nicht in Chiba City spielen, sondern in Saigon - ein riesiger, verrückter, reicher Ort mit dieser dunklen, pragmatischen Seitenstraßen-Welt.

MÇ : Wie würdest du deine Arbeit definieren?

WG: Ich schreibe nicht über die Zukunft. Science Fiction ist immer über die Zeit, in der sie geschrieben wird. Ich mache keine Vorhersagen, ich glaube, ich versuche nicht mehr, als es für die Leute leichter begreifbar zu machen, wie seltsam diese Zeit in Wirklichkeit ist. Wir haben alle unsere Überlebensstrategien, und dazu gehört, das Seltsame um uns herum auszublenden. Mir gefällt der Gedanke, daß ich einen Raum erschaffe, in dem die Leute dieses Seltsame zu schätzen wissen.

MÇ : Abschließend die Frage nach dem Cyberpunk. Schon oft totgesagt, scheint er wieder eine Renaissance zu erleben ...

WG: Wenn ich heute an Cyberpunk denke, dann nicht als ein Subgenre der Science Fiction. Ich glaube, er wurde zu einer Art Geschmacksrichtung der Pop-Kultur. Man könnte also sagen, hey, dieses Rock-Video ist echt Cyberpunk, oder, die Jeans, die du anhast, sind richtig Cyberpunk.

MÇ : Cyberpunk-Jeans - wie würden die wohl aussehen?

WG: Hm, sie könnten aus schwarzem Vinyl sein, mit Chrome-Spikes an der Innenseite der Oberschenkel. Du weißt es, wenn du sie siehst.


William Gibson im Portrait

„Einen Roman zu beenden ist, als würde man einen Stuhlsitz polstern und der Stoff wäre zu knapp und überall hingen Fäden herunter.“ Eine erstaunliche Definition, stammt sie doch vom Erfinder des „Cyberspace“, William Gibson. Seit Schlag worte wie „Digital Highway“ und „Virtual Reality“ ins Bewußtsein der Medien und damit der Öffentlichkeit gerückt sind, erlebt der Cyberpunk eine Wiederaufer stehung und mit ihm sein literarischer Vordenker. Vor nunmehr zehn Jahren schrieb William Gibson seinen ersten Roman - in diesem berühmten, atemlosen Stil, der aus purer Panik, den Leser zu langweilen entstanden war und der so typisch für das Cyberpunk-Genre werden sollte - „Neuromancer“.

Der Mann hat Streß - da schickt ihm eine Produktionsgesellschaft ständig Video tapes von „Johnny Mnemonic“, einem Science Fiction Film, der gerade in Toronto geschnitten wird. Gibson, der das Script nach seiner gleichnamigen Shortstory geschrieben hat, soll die Ände rungen begutachten. Eine Tätigkeit, die in dem ehemaligen Filmstudenten die Er kenntnis reifen ließ, daß er eigentlich noch nie zuvor wußte, wie sehr man einen Film am Schneide tisch ver hunzen kann. Gleich zeitig hockt er vor seinem Computer und grübelt wie er seinen neuen Roman „Idoru“ zum festgesetzten Termin fertigkriegen soll - und das, wo er noch nicht mal weiß, wie die Story ausgehen wird - da sein Protagonist, ein altern der Rockstar, vollmundig die geplante Eheschlie ßung mit einer berühmten japanischen Popsängerin angekündigt hat, von der doch jeder weiß, daß sie nur eine virtuelle Konstruktion ist. Und die Sommerferien sind auch zu Ende und die Kinder müssen in die Schule geschickt werden. Wie kann er da noch Inter views geben? Er kann, denn je er länger in seinem Arbeitszimmer im Keller seines Hauses im kanadischen Vancouver sitzt, um so dringlicher wird für gewöhn lich sein Wunsch nach Gesellschaft, der durchaus nicht der Langeweile entspringt, son dern aus seiner Arbeitsweise resultiert. „Irgendwann komme ich an den Punkt, wo's einfach nicht mehr weiter geht. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß ich dann in ein belebtes Café oder eine Bar gehen muß, einfach nur, um Menschen zu beobachten. Es gibt mir das Gefühl, als könnte ich dieses Leben zu meiner Arbeit zurück nehmen.“
In Downtown Vancouver einen ruhigen Ort für ein Interview zu finden, stellt sich als recht schwierig heraus. Doch Gibson schlägt die Bar des „Georgia“ Hotels vor. Später wird das Gespräch bei „Ichibankan“, Vancouvers bestem Japaner, fortgesetzt. Japan hat ihn schon immer fasziniert und er erzählt mit Begeisterung von seinem letzten Aufenthalt. Sei es über seine Erlebnisse in der „Okinawa Sex Bar“ oder über Tokyo, der Stadt in der es wirklich alles zu kaufen gibt - allerdings achtmal so teuer wie sonstwo auf der Welt - und darüber, daß er sich nicht eine Minute gelang weilt habe. Letzteres klingt so nachdrück lich, daß man sich unwill kür lich fragt, ob dies Gib sons größte Sorge sei - sich zu langwei len. Gibson verneint dies ener gisch. „Ich glaube nicht, daß ich als Autor ein aufregendes Leben führen muß, um interes sante Bücher zu schreiben.“ Und weiter - daß er doch eigentliche nur ein ruhiges und vorhersagbares Leben führen möchte.
Eine Aussage die viele Gibson-Fans sicher verwundern wird, die aber in sein Konzept paßt, seine Person zu entmystifizieren. Denn seit „Neuromancer“ zum Kult in der Hackerszene wurde, wollen diese seine Person gleich mit vereinnahmen. Dies sei ein Nebenprodukt, das mit dem Erfolg seiner Bücher einher gehe und dem er nur wenig abgewinnen könne, so Gibson. Verständlich daher auch seine beharrliche Weigerung, sich eine E-mail Adresse zuzulegen. „Es wäre der absolute Horror, wenn mich Hundert tausende durch mei nen Computer direkt errei chen könnten.“ Man merkt, der Mann hat zu seinen Fans ein etwas ambiva lentes Verhältnis. Zwar könne er - der er als Teenager die Science-Fiction als Weltfluchtort für sich entdeckte - das Bedürfnis der Fans, ihrem Lieb lingsautor - den sie natürlich für eine ganz außergewöhnliche Persönlichkeiten hielten - nahe zu, sein sehr gut nachvoll ziehen. Ist man jedoch jener Lieblings autor, merke man erst wie albern dies alles sei. Auf der einen Seite gleiche das Verhältnis zwi schen Autor und Leser einer sehr intimen Beziehung, gleich zeitig ist es jedoch eine völlig einseitige Angelegenheit. „Man schreibt das Buch in Abge schie denheit und der Leser empfängt es in Abgeschiedenheit.“
Aber der ungewollte Mythos bringt Auflagen. Und wenn ihn der 2001 Verlag in einem Werbetext zu seinem letzten Roman „Virtuelles Licht“ als den Erfin der der VR und Cyberpunk-Guru bezeichnet, reagiert der so Gepriesene mit Verwun- derung und einem Schulter zucken „Ich schätze, sie wollen Bücher verkaufen -“ für ihn klinge dies, als sei aus Überschriften von Wochenendbeilagen zusammen gesampelt wor den. Man ist bereit ihm zuzustimmen, schließlich weiß man seit langem, daß die faszinierenden Cyberwelten der „Neuromancer-Trilogie“ auf der Imagination des Autors und den Tips einiger computerkundi ger Freunde beruhen, die ihm das nötige Futter für die Ausstattung seines Cyber space liefer ten. Dem Mythos William Gibson tut dieses Wissen allerdings keinen Abbruch, auch nicht, daß er seinen „Neuromancer“ auf einer mechanischen Schreibmaschine verfaßte. Damals hätte einfach noch nicht jeder sei nen PC zu Hause gehabt, unter nimmt der Autor einen weiteren Vorstoß in Sachen Entmystifizierung. Und man solle ja nicht glauben, daß er, wenn es einen neuen Mac intosh gebe, er sofort in den nächsten Laden stürzen würde um ihn zu er werben. „Der beste Computer für mich ist der, der schon fünf Jahre auf dem Markt ist.“ Das klingt ja fast nach High-Tech Verweigerung. Durchaus nicht - und jetzt gerät er ins Schwärmen: „Ich halte den Walkman immer noch für die hippeste und lyrischste Nut zung von Technologie.“ Als er neu auf dem Markt war, hätte er sein ganzes Geld auf den Tisch gelegt um den ersten Sony-Walkman in der Stadt zu kau fen.
Virtual Reality hätte er ganz gewiß nicht erfunden, aber die Typen, die daran arbei te ten zeigten „Neuromancer“ herum und sagten „He, lies das, so soll es einmal aus sehen.“ Inzwi schen hätte VR ein Image, das sehr stark an futuristische Zeichnun gen aus den fünf zi ger Jahren erinnern würde - „diese Autos mit Flügeln, von denen wir jetzt alle eines in der Garage haben sollten.“ Das hübsche Mädchen mit der Daten brille, das in den Artikeln über VR abgebildet ist, hätte den gleichen altmodi schen Charme. Gleichzeitig würde dieses Bild sehr exakt die Wech selbeziehung zwi schen Menschen und Medien darstellen, denn in gewisser Weise hätten wir alle ständig diese Datenbrillen auf und ver suchten durch diese tumben Handschuhe, aus denen die ganzen Drähte heraushängen, nach etwas zu greifen. „Wir brauchen einen neuen Marshall McLuhan, mit einer brauchba ren Theorie über die Medien.“
Gibson, der das Glück hatte, bereits an seinem zweiten Roman „Biochips“ zu arbei ten, als sein Erstling plötzlich wie eine Rakete - wenn auch mit verzögerter End stufe - abging, schreibt für gewöhnlich ins Blaue und hat oft keine Ahnung, wie sein Romane enden wer den. So ungewöhnlich wie sein Stil ist auch die Quelle sei ner Inspiration: Plat ten kritiken in Rockzeitschrif ten. Er stelle sich dann immer vor, es seien Literaturkritiken und überlege sich, was für ein Buch da wohl rezensiert würde. Außer dem liest er zwischen durch Unmengen von Zeitschrif ten und läßt sich von zufälligen Informationen beeinflus sen. Die Herausgeber seiner Romane haben mit seiner unor thodoxen Arbeitsweise zu leben gelernt - „Ich glaube, die haben keine Ahnung, warum sich meine Bücher verkaufen, deshalb lassen sie mich auch in Ruhe.“
In den Vereinigten Staaten geht es zur Zeit recht Science Fiction mäßig zu - worüber soll ein SF Autor heutzutage noch schreiben? Gibson gesteht, daß dies zu einem Problem werden könnte. „Wenn ich geahnt hätte, daß Michael Jackson Elvis Presleys Tochter heiraten würde, hätte ich ihren Sohn zum Präsidenten von Amerika in „Virtuelles Licht“ gemacht.“ Genüßlich und mit einer Spur von Bedauern, weil er diese tolle Zukunftsvariante verpaßt hat, fährt Gibson fort: „Meine „Dark-Fantasy“ ist, daß ihr Sohn unter dem Schutz der Scientology-Kirche auf wächst und Ameri kas Gott könig und gewählter Präsi dent wird, was dann der Anfang vom Ende wäre.“ Und wie würde er sich denn dazu stellen, wenn seine Bücher plötzlich zensiert würden? „Ich habe nie darüber nachgedacht. Vermutlich würde ich etwas schreiben, daß sie für noch anstößiger halten würden“, meint er etwas naiv, um dann mit stiller Verwunderung festzustellen: „Ich bin über rascht, daß ich nicht öfter angegriffen werde. Vielleicht liegt es daran, daß man Science Fiction-Schreiber nicht besonders ernst nimmt.“ Diese ganze Sache mit den Fundamentalisten und der PC der Liberalen, sei im Grunde genommen nichts weiter als die übliche Hysterie, die man vor jedem Jahrhundertwechsel beobachten könne.
Was er als Science Fiction Autor überhaupt nicht mag, sei die Frage nach irgendwelchen Prophezeiungen, die in jedem Interview gestellt wird. Autoren wie Isaac Asimov oder Arthur C. Clarke wären da die besseren Anlaufstellen, obwohl die mit ihren Vorher sagen ja auch ziemlich daneben liegen würden. Doch was er gerne in der Zukunft hätte, wäre eine neue Bewegung der Gegenkultur. Schließlich hätte es die letzte in den siebziger Jahren gegeben, es wäre also höchste Zeit. Der Zerstörung der Umwelt begegnet er, wie sich an seinen Tagträumen zeigt, fast schon mit Verdrän gung: „Ich würde gerne eines Mor gens aufwachen und folgende Schlagzeile lesen: „Ozonloch heilt sich auf wundersame Weise selbst“.“

Cyberpunk - Endzeitliteratur der High Tech Generation

Der Himmel über dem Hafen hatte
die Farbe eines Fernsehers, der auf
einen toten Kanal eingestellt ist.

© William Gibson Neuromancer

Mit dem Erscheinen von William Gibsons Roman Neuromancer entdeckten Literaturkritiker und Verleger Mitte der achtziger Jahre eine neue Richtung in der Science Fiction Literatur. Und da sich Dinge mit einem süffigen Etikett besser vermarkten lassen, bekamen die Werke Gibson's und seiner Kollegen das Label Cyberpunk verpaßt.

Die Autoren Bruce Sterling, Lewis Shiner, John Shirley und Rudy Rucker formierten sich unter ihrem Vordenker Gibson zu der ersten bedeutungsvollen litera ri schen Bewegung nach der New Wave Ära der 60er. Durch Artikel im Rolling Stone wurde den Cyberpunk-Autoren auch außerhalb der Science Fiction Szene breite Beachtung zuteil. Bruce Sterling, der, nachdem Gibson die Position, Aushänge schild des Cyberpunk-Movements zu sein ablehnte, zum Vordenker und Chefi deologen avancierte, wurde Herausgeber der Undergroundzeitung Cheap Truth und verfaßte Manifeste, die er auf Conventions verlaß.
Dem anfänglichen Enthusiasmus folgte bald Ernüchterung. Einige der beteiligten Autoren behaupteten öffentlich > Cyberpunk hat es nie gegeben< und im Januar '91 erklärte Lewis Shiner in einem Leitartikel der New York Times den Cyberpunk für tot. Sterling, Herausgeber der berühmten Spiegelschatten- Anthologie, vertritt dagegen die Meinung, Cyberpunk sei so lange nicht tot, bis nicht der letzte von ihnen (der Autoren) unter der Erde liegt. Doch was ist nun eigentlich Cyberpunk - der literarische Output einer Hacker-Generation oder Spiegelbild der High Tech überfrachteten Jetztzeit?

In seinem Artikel Cyberpunk in the Nineties bezeichnet Bruce Sterling die Cyberpunk-Bewegung als die Stimme der Bohemians, jener, die ihre Grenzen noch nicht kannten und die von der Gesellschaft vorgegebenen Grenzen nicht akzeptieren wollten.
Das klingt recht ähnlich wie in den Sechzigern und könnte genauso ein Statement der love & peace Generation sein. William Gibson erklärt denn auch, aktiver Anhänger der Hippie-Bewegung gewesen zu sein. Und auch die ande ren Cyberpunk-Autoren stehen den 60ern altersmäßig näher als der Punk bewegung der 70er . Ihre literarischen Vorbilder sind J.G. Ballard, Philip K. Dick, William Burroughs und Thomas Pynchon.
Cyberpunk, wie alle SF Literatur, ist ein Spiegel der Gegenwart. Sieht man auf die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte, so ist die Entstehung des Cyberpunks eine logische und konsequente Entwicklung.
Der Technikeuphorie der fünfziger Jahre folgte die Ernüchterung des Atomic Cafés und nach der Begeisterung über Armstrongs ersten Schritt auf dem Mond, sahen wir die Zerbrechlichkeit der Erde und ihre Bedrohung durch den Menschen. Fortschritt ist nicht länger ein Medium, das dem Menschen dient, wir haben sein zerstörerisches Potential erkannt. Doch die Dinge sind uns entglitten, das High Tech Universum will uns vereinnahmen und wir sind schon viel zu abhängig, um uns zu wehren. Die Kopfhörer des Walkmans sind in unseren Ohren, weiche Kontaktlinsen auf unseren Augen, und die Mind Machine zielt direkt in unser Gehirn. Zum Ende dieses Jahrtausends befinden wir uns im Aufbruch in den Cyberspace.
Zu Zeiten des Amazing Stories Herausgebers Hugo Gernsback war technologischer Fortschritt das Ziel men schli chen Strebens. Gernsback und seine Autoren machten sich ganze Univer sen untertan. Isaac Asimov stellte mit seinen drei Gesetzen der Robotik die Regeln einer Science Fiction Welt auf, in der Technik berechenbar war und sicher in dem Elfenbeinturm der Wissenschaft verwahrt wurde.
In dem Universum des Cyberpunks haben sich diese Regeln umgekehrt. High Tech = Low Live lau tet die Formel, die das Ende einer übertechnisierten Umwelt zeigt. Menschen werden zu Hybridwesen aus Biochips und Hardware, zu drogenabhängigen Wanderern zwischen Realwelt und Cyberspace. Technik ist zum jederzeit verfügbaren Gebrauchsgegenstand geworden. Doch Technik gebraucht und mißbraucht auch seine User. Die totale Vernetzung kann auch zur totalen Kontrolle führen. Die Utopie wurde zur Distopie.
Die Helden des Cyberpunks sind Anti-Helden. In einer übervölkerten, zer störten und konzernkontrollierten Welt versuchen sie auf die eine oder andere Weise ihren Schnitt zu machen. Kids, die vorzeitig alt geworden sind, und die ihre zerstörten Körper mit neuen High Tech Drogen oder Implantaten aufrüsten um dann ins direkte Interface mit dem Computer zu gehen und in den Cyberspace einzudringen. Im Cyberspace kommunizieren sie mit Programmen, brechen durch die Virusabwehr in fremde Dateien ein oder werden Teil der Hardware.
Doch Drogen und Implantate machen die Protagonisten auch zu tech nisch hochgerüsteten Cyborgs und Killermaschinen. In Walter John Williams Roman Hardware* ist der Protagonist Cowboy nicht einfach Fahrer des Panzerwagens, er ist der Panzer. Und Molly, die High Tech-Heroine im Neuro mancer , hat sich ihre Augen mit dem Markenzeichen der Cyberpunks, der Spielgelbrille, versiegeln lassen.
Technologie und Drogen werden im Cyberpunk nicht verherrlicht, sie sind Mittel zum Zweck . Sterling sagt: "Die >Anti Humanaistische< Einstellung im Cyberpunk ist nicht einfach ein literarischer Dreh um die Bourgeoisie zu beschimpfen. Es ist eine kulturelle Erscheinung des späten zwanzigsten Jahr-hunderts. Cyberpunk hat diese Einstellung nicht eingeführt, er reflektiert sie nur."

Obwohl die Cyberpunk-Bewegung durch den Roman Neuromancer ausge löst wurde, liegt die wahre Stärke dieser Literaturgattung in der Kurzform. Es wäre ungerecht, würde man die Cyberpunk auf etwas dezimieren, das sich so liest, wie Bladerunner aussieht. Trotzdem beschreibt es gut den visuellen Charakter dieses Genres.
Cyberpunk ist wie ein atemloser, erregender Trip durch die Dunkelheit in eine fremde und exotische Welt. Doch die Welt der High Tech Slums und des unendlichen Datenaustauschs ist nicht so weit in der Zukunft, wie wir sie gerne hätten. Die bewußtseinserweiternde Droge der High Tech Generation heißt nicht LSD, sondern PC. Es ist das Anliegen von SF-Autoren wie Gibson und Sterling, diese Gegenwart verständlicher zu machen. Und wenn Gibson in einem Interview gesteht, daß seine Vorstellungen eines Cyberspaces nur Zweiterhanderfahrungen wiedergeben und Neuromancer auf einer mechanischen Schreibmaschine geschrieben wurde, zeigt dies nur die Widersprüche unseres High Tech Zeitalters auf.
Cyberpunk wird zur multisensorischen Erfahrung. Die Präzision der Bilder sprache erinnert an filmische Schnittechniken und der schnelle und harte Sprachrhythmus hat seinen Ursprung in der Rockmusik. Die Titel einiger Shortsto ries und Romane könnten genauso Songtitel sein: White Light, Faraway Eyes, Free zone, Rock On oder Count Zero. Die Cyberpunk Autoren leugnen diese Verwandtschaft zur Popkultur nicht. Allerdings sind ihre musikalischen Vorbilder eher im Bereich der Velvet Underground als bei den Sex Pistols anzusiedeln.
Sicher ist die Faszination des Cyberpunks in dieser Vermischung verschiedener Medien der Popkultur begründet. Ein bisher einmaliger Vorgang in der Literatur.


Was ist Cyberpunk? John Shirley Q&A

Myra Cakan: In jedem Interview werde ich gefragt: »Was ist Cyberpunk?« - »Wie würden Sie Cyberpunk definieren?« - »Warum schreiben Sie Cyberpunk?« Ich könnte wetten, daß dir das bekannt vorkommt und du diese Fragen viel besser beantworten kannst als ich. Schließlich hast du den Cyberpunk sozusagen »erfunden«.

John Shirley: So weit würde ich nicht gehen, aber ich habe dazu beigetragen, ihn zu definieren, insbesondere mit meinem Roman Stadt geht los (City Come A-Walkin' o 1980). Vielleicht läßt sich dieser Begriff auch gar nicht definieren, und diese Vorstellung des kommenden Jahrhunderts lag einfach 'in der Luft'. Eine eher sozialrealistische Sicht auf die Dinge - ein Gefühl für die Einsetzbarkeit der Technologien auf der Straße, ein Gefühl für die Bezüge zu alternativen Medien, zu radikaler Rockmusik; überhaupt das Gespür für die Energie des Rock - die Energie des Punk. Das Schattendasein innerhalb des schnell verkommenden städtischen Umfeldes, das wir geschaffen haben. Dieses Gefühl, daß man sich beeilen muß, daß man das Leben eines Outlaws führen muß, um zu überleben.

Myra Cakan: Diese Energie des Punk und der Straße ...
John Shirley: Stadt geht los verbindet das bis zu einem bestimmten Punkt mit 'Magischem Realismus' - Borges und J. G. Ballard haben mich beeinflußt - und metaphysischen Vorstellungen, die in meinen Sachen nie ganz fehlen. In Es werde Licht (Silicon Embrace o 1996) sind sie noch offensichtlicher. Als ich mitgeholfen habe, den Cyberpunk zu definieren, habe ich ihn in gewissem Sinne neu definiert, verändert. Was soll eine Bewegung, wenn sie sich nicht bewegt?
Myra Cakan: Ich sage immer: Cyberpunk liest sich so, wie Blade Runner aussieht.

John Shirley: William Gibson hat mir erzählt, daß er beim ersten Mal das Kino vorzeitig verlassen hat, weil Atmosphäre und Ausstrahlung des Filmes zu sehr seinem Buch glichen.

Myra Cakan: In Es werde Licht geht es unter anderem um Außerirdische, und auf dem Titelbild ist ein »Grauer« zu sehen. Warum Aliens? Zur Zeit scheint jeder über Aliens zu schreiben. Ketzerisch gefragt: Wolltest du dich an den Erfolg von Akte X hängen?

John Shirley: Nein, ich habe ein Symbol aus der Popkultur übernommen und es umgestaltet, es in eine metaphysische Metapher verwandelt. Die Grauen symbolisieren einen gesellschaftlichen und geistigen Zustand der Menschen - einen sehr niedrigen Zustand. Ich habe Forschungen über UFOs angestellt, um herauszufinden, ob irgend etwas an der Sache dran ist, und bin zu dem Schluß gekommen, daß 98 Prozent davon, Roswell eingeschlossen, in die Welt der Mythologie gehört. Aber was für eine Mythologie! Das war der ureigene »Roman« der Öffentlichkeit, die Kunst des Zeitgeistes. Ich habe aus Spaß ein paar Anspielungen auf Akte X und dergleichen eingebaut - um die Leute aufzuziehen, sie zum Nachdenken anzuregen.

Myra Cakan: Liest du eigentlich noch Science Fiction, und was hast du zuletzt gelesen?

John Shirley: Sehr selten. Damit will ich nicht sagen, daß die heutige SF nichts taugt - aber ich muß für meine Arbeit als Drehbuchautor so viel recherchieren, daß ich fast nur noch Zeit für Sachbücher finde. Ich schreibe gerade ein Script über das Leben des Salvador Dalì, und ich lese Bücher über ihn und sein Umfeld. Ich denke, Dan Simmons (Hyperion) und Lucius Shepard (Beast of Heartland) gehören im Augenblick zu den besten SF-Autoren. Sicher gibt es eine ganz Menge großartige Autoren auf diesem Gebiet. Ich habe die neuesten Sachen von Jack Vance (Durdane) gelesen, ich bin aber auch süchtig nach ihm.

Myra Cakan: Das ist komisch, daß du gerade Vance erwähnst. Als ich angefangen habe, SF zu schreiben, gehörte er zu den Autoren, die mich beeinflußt haben, zusammen mit Eric Frank Russell (The Great Explosion). Mir hat die Art und Weise sehr gefallen, wie Vance fremde Planeten und Kulturen und Außerirdische beschrieben hat, und ich halte Russells Witz für den originellsten innerhalb der Science Fiction. Warst du jemals versucht, eine typische Space Opera zu schreiben?

John Shirley: Mein Roman Ein herrliches Chaos (A Splendid Chaos o 1988) kommt dem am nächsten - ich habe ihn eine »interplanetare Phantasie« genannt. Aber er ist wahrscheinlich eher von Marcel Duchamp und Max Ernst beeinflußt worden als von Eric Frank Russell. Ich habe allerdings eine Space Opera geschrieben - für Kinder. Sie heißt Stardogs und handelt von einer Zeit, als die Menschen auf rätselhafte Weise verschwunden sind, Hunde und Katzen sich weiterentwickelt haben und wie Menschen denken und sprechen. Sie machen sich daran, in Raumschiffen die Sterne zu erforschen, auf der Suche nach ihren alten Herren, der Menschheit. Das klingt ziemlich albern - nun ja, es ist für Kinder so ungefähr zwischen zehn und dreizehn.

Myra Cakan: Wie kamst du dazu, SF und Horror zu schreiben?

John Shirley: iner der Hauptgründe ist wahrscheinlich, daß ich das als junger Mensch gelesen habe, und weil es leichter war, da einen Fuß in die Tür zu bekommen - aber auch, weil es so 'weit offen' ist. Man kann damit zu allem Stellung beziehen - es bietet sich wie eine Hure für den Symbolismus an.

Myra Cakan: In deinen Romanen - Es werde Licht, der Eclipse-Trilogie und anderen - kämpfen die Protagonisten oft gegen eine korrupte Regierung. Würdest du sagen, daß deine Romane eine politische Botschaft haben? Oder kommt darin deine Sorge über eine mögliche Zukunft zum Ausdruck?

John Shirley: Ich denke, darin steckt oft eine politische Botschaft - und die metaphysische Botschaft ist die Kehrseite der Medaille. Es hat sich weitgehend herumgesprochen, daß die Konzerne zuviel Macht an sich reißen; daß Kultur ausverkauft wird; daß eine Spielart des Faschismus sich wieder auszubreiten versucht; daß unsere Gesellschaft labil ist. Wenn das gesellschaftliche Chaos ausbricht - wie in den Eclipse-Romanen und Es werde Licht -, werden sich auch die faschistischen Kräfte wieder durchsetzen und an die Macht kommen. Und dann gibt es immer noch das unlösbare Problem, wie sich der Wille des Kollektivs mit dem des Individuums vereinbaren läßt. Meine Bücher dramatisieren diese Fragestellungen.

Myra Cakan: Alle Leute sprechen über die Jahrtausendwende. Was sind deine Hoffnungen und Befürchtungen für diesen Planeten im nächsten Jahrhundert?

John Shirley: Meine Befürchtungen - ich habe Angst, daß einige Großstädte in den USA und in Europa von Terroristen unter Einsatz von Atomwaffen oder biologischen Kampfstoffen zerstört werden. Ich habe Angst, daß die steigenden Bevölkerungzahlen zu erhöhtem Druck auf die Ressourcen führen werden und die internationale Gemeinschaft im Krieg zerbricht. Ich habe Angst vor ökologischen Katastrophen, die durch unseren wahnsinnigen Gebrauch von Pestiziden und unserer Vergiftung der Biosphäre ausgelöst werden, die Hungersnöte und erhöhtes Kriegsrisiko nach sich ziehen._Ich befürchte eine weitergehende Balkanisierung, eine Fragmentierung, die zu falschen Formen der Einheit führen wird. Einheit kann gut oder schlecht sein - wir müssen sinnvolle Lösungen finden, globale Regulierungsmechanismen, die nicht auf eine Weltregierung hinauslaufen, die aber Menschenrechte und Umweltschutz viel effektiver durchsetzen als die UNO oder die NATO. Wir brauchen nur ein paar allgemein anerkannte Regeln, die international strikt durchgesetzt werden, denn alles wird immer globaler, wir leben mehr und mehr in einer Welt, und das bedeutet, daß wir sowohl unsere Probleme als auch unsere Errungenschaften teilen._Ich glaube, es wird aufgrund dieser Probleme zu einigen Katastrophen kommen. Doch die Menschheit wird das überstehen und hoffentlich eine intelligentere Version der Zivilisation in die zweite Hälfte des 21. Jahrhunderts retten. Ich glaube auch, daß eine der großen Hoffnungen der Welt in der Befreiung und Ausbildung der Frauen besteht. Das würde dazu führen, daß Frauen selbst über ihren Körper und ihr Leben bestimmen, weniger Kinder und ein größereres Mitspracherecht bekommen. Das kann nur gut sein.

Myra Cakan: In deinen Büchern kommen starke weibliche Charaktere vor, aber Handlung und Veränderungen werden von Männern bestimmt. Könnte diese Hoffnung - der größere Einfluß von Frauen - Thema eines neuen Romans sein?
John Shirley: Nun, die Figur der Catz Wailen aus Stadt geht los (die Patti Smith nachempfunden wurde), ist ziemlich aktiv und wichtig. In Eclipse gibt es Frauen als Kriegerinnen, die für die Geschichte durchaus eine Bedeutung haben. Aber im allgemeinen schreibe ich aus männlicher Sicht, weil ich mir nicht sicher bin, ob ich eine weibliche Protagonistin ein ganzes Buch hindurch glaubwürdig schildern kann, schließlich bin ich selbst keine Frau, und erfahrungsgemäß ist es der Protagonist, der die Entscheidungen fällt und die Geschichte vorwärtsbringt._Mir ist vorgeworfen worden, daß ich manchmal männliche Charaktere beschreibe, die sexuell sehr dominant orientiert sind oder so ähnlich, insbesondere in Eclipse, aber das ist ein Mißverständnis, denn eine der Hauptfiguren, Rickenharp, ist eine Art Destillat aller männlichen Rockstars, die ich je verehrt habe, wie Iggy Pop, Frank Zappa, Mick Jagger, Lou Reed, Jimi Hendrix und John Lydon. Ich werde mich bemühen, in meinen künftigen Büchern stärkere weibliche Charaktere einzuführen.

Myra Cakan: Was schreibst du als nächstes?

John Shirley: Ich habe einen Roman angefangen, der SF und Horror vermischt - eigentlich nichts Neues. Man denke nur an Invasion of the Body Snatchers, Die Farben des Alls von Lovecraft oder Alien. Manchmal tun die Leute allerdings so, als ob ich einen Marketing-'Fauxpas' begehen würde, weil ich eine Kreuzung aus Science Fiction und Horror/Fantasy schreibe._Ich bin mir noch nicht sicher, wie das Buch heißen wird. Darin kommt eine sehr wichtige Frau vor, die bedeutende Entscheidungen fällt und Dinge voranbringt.

Myra Cakan: In Deutschland läuft zur Zeit eine Auseinandersetzung, die Wolfgang Jeschke mit der Behauptung losgetreten hat, die SF sei tot. Andererseits hat dein deutscher Verlag gerade eine neue SF-Reihe gestartet. Was denkst du: Ist die Science Fiction tot?

John Shirley: Manche Leute spielen dieses Spiel mit schöner Regelmäßigkeit: 'Der Roman ist tot', 'Die Kunst ist tot', und jetzt ist eben die SF tot. Und so weiter. Es wird immer eine Zukunft geben. Fantasy wird immer ihren Platz haben. Ich glaube an den Tod des Genres, wenn nichts mehr veröffentlicht wird. Aber vielleicht meinen sie tot im Sinne von 'leblos' - wie bei den lebenden Toten. Die herumlaufen, aber eigentlich nicht leben - nicht lebhaft sind. Wieviel lesen die, frage ich mich da. Es stimmt natürlich, daß die konventionelle SF voraussehbar und leblos ist. Man schaue sich nur an, wie die Romane von Kevin Anderson über Star Wars (z. B. Darksaber, der Todesstern) oder der Wüstenplanet-Aufguß (House of Atreides) den Markt dominieren. Das verdrängt natürlich die intelligenten, kreativen Autoren. Doch jedes Genre, jede Kunstform, die für tot erklärt wird, erholt sich wieder, unabhängig von irgendwelchen ästhetischen Theorien - und kehrt immer zurück.


Das Cyber-Nirvana

Christopher Lambert, Schauspieler mit Prädisposition fürs Phantastische - von sehenswert bis grottenschlecht - hat einen neuen Film gemacht. Dies wäre vermutlich nicht weiter erwähnenswert, wäre „Nirvana“ nur ein weiterer SciFi-Streifen mit viel Effekten und wenig Geschichte.
Jimi ist deprimiert. Seine Freundin Lisa ist auf und davon, sein überfürsorg licher Hauscomputer nervt ihn und seine Arbeit an dem VR-Computerspiel „Nirvana“ kann der Spieledesigner nur mit freundlicher Unterstützung seines Hausdealers und einiger Ampullen flüssigen Marihuanas erfüllen. Da scheint es auch wie ein schlechter Trip, als sich die Hauptfigur von „Nirvana“ - ein schnauzbärtiger Typ namens Solo - plötzlich an seinen Schöpfer wendet und er klärt, dass er es leid sei, immer die gleiche Situation wieder und wieder zu durch leben. Man möge ihn doch bitte löschen. Ein Virus hat Solo ein eigenes Bewusstsein gegeben und mit ihm die Erkenntnis in einer Kunstwelt gefangen zu sein. Während Jimi in der realen Welt versucht, dem Virus auf die Spur zu kom men, gelangt Solo in seiner VR auf das nächstes Spiel-Level und muss sich erneut von fiesen Killern umpusten lassen. Doch auch Jimi wird verfolgt. Sein Arbeit geber, der mächtige Konzern Okosama Starr, mag es gar nicht, dass Jimi seine neueste Spiele-Kreation zerstören will. Doch um Erfolg zu haben, muss Jimi erstmal den Hacker Joystick finden und der wohnt in dem finstersten aller Viertel: in Marrakesch. Drogen aller Art, Organjäger, Software-Dealer, Phobien-Verditscher - in Marrakesch, gibt es alles, sofern man die richtigen Kredit Chips hat. Den benötigten Virus, um in die Datenbank von Okosama Starr einzudrin gen, gibt es allerdings in einem anderen Viertel, in Bombay City. Dort soll sich auch Lisa aufhalten.
Gabriele Salvatores (Drehbuch und Regie) geht von der Prämisse aus, dass die ultra heiße Computer-Technologien, inklusive einiger abgefahrener Viren der Zukunft, aus Indien kommen und wartet mit solchen bizarren Gags wie einem Ayurveda Mikrochip zum Speichern von Erinnerungen auf. Lisa hat auf diese Art ihre Erinnerungen gesichert und die Hackerin Naima, die auf ihren Exkursionen auf der Datenautobahn ihr Langzeitgedächtnis verlor, hat so die Möglichkeit die Leere in ihrem Kopf aufzufüllen. Doch hinter „Nirvana“ steht auch die Philosophie des Hinduismus. Dort wird die Realität als Maya bezeichnet und besteht aus reinen Illusionen und Erscheinungen. Für Salvatores klingt dies wie eine Beschreibung von Virtual Reality.
Anfang der achtziger Jahre gelang es einem Film und einigen Science Fiction-Autoren, ein neues Zeitalter des Genres einzuläuten: des Cyberpunks. William Gibson veröffentlichte seine ersten Kurzgeschichten - zwei Jahre später seinen Roman „Neuromancer“ - und Ridley Scott schuf einen der großen SF-Klassiker: „Bladerunner“. Relativ unbeachtet blieb dagegen David Cronenbergs „Videodrome“ aus dem gleichen Jahr ('82), ist jedoch, genau wie Bladerunner, Cyberpunk pur.
Die Helden des Cyberpunks sind Anti-Helden. In übervölkerten, zer störten und konzernkontrollierten Mega-Cities versuchen sie auf die eine oder andere Weise ihren Schnitt zu machen. Kids, die vorzeitig alt geworden sind, und die ihre zerstörten Körper mit neuen High Tech Drogen oder Implantaten aufrüsten um dann ins direkte Interface mit dem Computer zu gehen und in den Cyberspace einzudringen. Im Cyberspace kommunizieren sie mit Programmen, brechen durch die Virusabwehr in fremde Dateien ein oder werden Teil der Hardware. Die Medien sind übermächtig, voyeuristisch und allgegenwärtig. Oft sind die Protagonisten tech nisch aufgemotzte Cyborgs und Killermaschinen. Molly, die High Tech-Heroine im Neuro mancer , hat sich ihre Augen mit dem Marken zeichen der Cyberpunks, der Spielgelbrille, versiegeln lassen - mit eingebautem Display und unter deren burgunderroten Fingernägeln vier Zentimeter lange Skalpellklingen verborgen sind. In Walter Jon Williams Roman Hardware ist der Protagonist Cowboy nicht einfach Fahrer des Panzerwagens, er ist der Panzer. Und in dem, bereits 1980 veröffentlichten, Roman von John Shirley, City Come A-Walkin', ist der Protagonist gar eine per sonifizierte Stadt. Doch hinter der all High Tech Sterilität und den Abgründen der Downtown liegt oft die verzweifelte Suche nach Liebe und dem Sinn des Lebens. Aber die Realität entzieht sich den Suchenden, wird zur Virtuellen Realität. Sind nur Rachels Erinnerungen künstlich, oder ist auch Deckard ein Android? Solo weiß, dass er nur ein virtuelles Konstrukt ist und will aus dem Kreis ausbrechen, auch um den Preis der Existenzaus löschung. Maria, eine weitere Figur in „Nirvana“ will die Wahrheit nicht, sondern die Illusion des ewigen Lebens.
Seit William Gibsons „Neuromancer“ plötzlich auf den Bestseller-Listen stand, versucht Hollywood auf den Cyber-Zug aufzuspringen. Der visuelle Stil des Cyberpunk bot sich gerade zu für eine Filmadaption an. Und so wurden fleißig Drehbücher in Auftrag gegeben - John Shirley schrieb für den Produzenten Edward Pressman Drehbücher nach Gibsons „New Rose Hotel“ und Rudy Ruckers „Software“, beide Projekte waren schon soweit gediehen, dass es Regisseure gab: Kathrin Bigelow für „New Rose“ und Brett Leonard für „Software“ - die genauso schnell wieder in den Archiven der Studios ver schwanden. Dennoch hat es eine Reihe recht erfolgreicher SF-Filme gegeben, die durchaus klassische Versatzstücke des Cyberpunks verwenden: „T2“, „Demolition Man“, „Total Recall“, „M.A.R.K. 13“ und „The Crow“. Große Hoffnungen wurden in „Johnny Mnemonic“ gesetzt, schließlich schrieb Cyber-Pabst Gibson selbst das Drehbuch, nach seiner gleichnamigen Kurzgeschichte. „Vernetzt“, so der deutsche Verleihtitel, mit Keanu Reeves als Datenkurier Johnny, wurde zur Lachnummer, mit Comic-Dialogen und einem unterirdischen Hauptdarsteller. Dabei hatte Gibson zusammen mit seinem Freund, dem New Yorker Maler, Robert Longo, ursprünglich einen künstlerischen, low-budget Film in schwarz/weiß machen wollen - heraus kam eine dreißig Millionen Dollar teure Action Schwarte. Den Anzugträgern in Hollywood kann man den Flop aber nicht hundertprozentig an die Backe kleben, schließlich bezeichnete Gibson den Einfluss, den er als Drehbuchautor hatte, als extrem ungewöhnlich. „Virtourosity“ mit Denzel Washington, als Polizist, der eine real gewordenen Cyber-Psycho jagt, kam hierzulande gar nicht erst in die Kinos. Am erfolg reichsten war jedoch das Fernsehen mit der Kultserie „Max Headroom“.
Nördliches Agglomerat 2005. Jimi läuft durch den Schneeregen. Die Straßen, ein multikulturelles Gewimmel - alles sieht recht vertraut aus und man wäre nicht überrascht, würde der Bladerunner aus einem der futuristischen Fahrzeuge aussteigen. Gabriele Salvatores (Drehbuch und Regie) gibt sich keine Mühe, seine Vorbilder geheim zu halten. Doch man nimmt es ihm nicht übel. Wie er sagt, ist der Cyberpunk nur ein Subgenre der SF und daher würde man zwangsläufig auf immer die gleichen Archetypen zurückgreifen. Anders als die Roland Emmerichs dieser Welt, die SF-Literatur nur Peripher kennen - wenn überhaupt - ist Salvatores ein Fan. Namen wie Asimov, Sheckley oder Bradbury kommen ihm flüssig über die Lippen. Und wenn es um den Cyberpunk geht, kennt er seinen Bruce Sterling, Pat Cadigan und William Gibson. Besonders zu Gibsons „Burning Chrome“ gibt es, außer der Erzählstruktur, Gemeinsamkeiten: Rikki, das Mädchen das um jeden Preis Zeiss-Ikon Augen haben will, wie die Schauspielerin Tally Isham, prostituiert sich, um sich das Geld für die Augen zu verdienen. In „Nirvana“ arbeitet der Hacker Joystick für Jimi, um sich endlich die schicken Augen Marke Sony leisten zu können. Joystick hat seine Augen verkauft und kann mit seinen derzeitigen Kunstaugen nur schwarz/weiß sehen. Ein typisches Thema der SF, ist auch die Realität in der Realität, wie in Daniel F. Galouyes „Welt am Draht“. Reiner Werner Fassbinder adaptierte den SF-Klassiker aus dem Jahr '64 fürs Fernsehen, der eine im Computer simulierte Welt beschreibt, deren Beobachter merken, dass sie sich ebenfalls in einer Simulation befinden. Der Protagonist findet heraus, das seine Welt ebenfalls eine Simulation ist, als eine Landstraße vor ihm plötzlich im nichts endet. Solos Welt endet hinter seinem Kleiderschrank. Er braucht diesen Beweis nicht, er versucht nur die anderen Mitspieler zu überzeugen, dass das was sie für die Realität halten nur ein virtuelles Konstrukt ist. Salvatores schließt nicht aus, dass er einige Ideen von „Welt am Draht“ übernommen haben könnte, nennt aber Pillipp K. Dick, den er als Urahn des Cyberpunks bezeichnet, seine große Inspiration. Und wenn Jimi sich in die Datenbank von Okosama Starr, als Fax getarnt, einschleicht und der Cyberspace wie „eine Stadt bei Nacht“ aussieht, dann ist der Cyberspace nicht nur eine VR, sondern, zumindest im Kino, Realität geworden.


J. Shirley anläßlich der Neuveröffentlichung der Eclipse-Trilogie

Er sagt bürgerkriegsähnliche Zustände für Europa und die USA voraus und bezeich net Singapur als Modellstaat für die Zukunft. Damit befindet sich der Science Fiction Autor John Shirley in guter Gesellschaft. Wie viele seiner Kollegen versucht er sich gerne in Zukunftsprognosen. Doch abgesehen davon entspricht der siebenundvierzigjährige Shirley so gar nicht den Vorstellungen, die man sonst von Autoren dieses Genres hat. Seine Stories und Romane sind nicht durch gedankliche Weltraum spaziergänge am Schreibtisch ent standen, sondern reflektieren die, in eine oft bedrohliche Zukunft transportierten, Erfahrun gen eines Einzelgängers, mit kaputter Kindheit und Drogenvergangen heit. „Da ist Gewalt in mir, was nicht heißen soll, daß ich diese Gewalt auslebe. Früher bin ich in Barschlägereien geraten. Ich weiß nicht, woher diese Gewalt kommt, aber sie wird in meiner Arbeit sichtbar.“
Seit seinem achtzehnten Lebensjahr schreibt und veröffentlicht Shirley seine düstere Prosa - „Alles was ich sonst noch konnte, hätte mich nur ins Gefängnis gebracht“ - und erklärt, daß bereits seine frühen Shortstorys eine bestimmte Punk-Qualität haben. Er bezeichnet dies als eine gebrochene, chaotische Energie, die auf der anderen Seite sehr geordnet ist. „Cyberpunk hat die selben Qualitäten. Er benützt auch die Energie der Straße und formt sie gleichzeitig zu etwas mit sehr dichtem Informa tionsgehalt.“ Shirleys Roman „City come a walkin“, wird oft als das erste Cyberpunk-Buch bezeichnet. „Der Held der Geschichte ist die Stadt San Francisco, deren Kollektivbewußtsein sich in einer Person manife stiert. Diese hat verspiegelte Sonnengläser, die aus ihrem Kopf wach sen.“ Die Spie gelbrille wurde zum Symbol des Cyberpunk und John Shirley zur Legende der Cyberpunk-Literatur.
Nach Beendigung seiner „Eclipse“-Trilogie (dazu später mehr) zog sich Shirley von der SF-Szene zurück und das Thema Cyberpunk sollte für ihn mit seiner Story Sammlung „The Exploded Heart“ abgeschlossen sein. Die Faszination an neuen Technologien ist aber geblieben, und der Autor hält die Cyber punk-Literatur für ein ausgezeichnetes Medium, um diese psychologisch zu adaptieren. Mit seinem letzten SF Roman, "Silicon Embrace", kehrte er zur ironischen Metapher von "Splendid Chaos" zurück und nahm den ganzen UFO-Boom ordentlich auf Schippe. Mehrere Story-Sammlungen, diverse Drehbücher und zwei Horror-Romane folgten. Als Autor fühlt er sich dem Horror-Genre zugetan, was vielleicht auch daran liegen mag, daß er sowohl in seiner Person als auch durch seine Schreibe wenig SF-Fan-Kompatible ist. Shirley ist kein gefälliger Autor. Er knallt dem Leser seine Prosa nach dem Motto "lies es, oder laß es" ins Gesicht. Wer die volle Dosis von Shirleys abgedrehter Phantasie genießen will, sollte unbedingt seine Kurzgeschichten lesen. In Deutschland ist bislang nur eine Sammlung (Hitzefühler) erschienen. Die bereits erwähnte Sammlung "The Exploded Heart" gewährt außerdem noch sehr persönliche Einblicke in den Menschen John Shirley. So ist jeder Geschichte eine Einleitung vorangestellt. Und diese Anekdoten sind dann auch so haarsträubend, daß sie von Verlegern als zu unglaubwürdig rausgestrichen wurden, als er sie in seine Romane einbaute. Shirleys wilde Jahre - inklusive exzessiver Drogensucht - reichen dann auch für mehr als Schriftstellerleben. So ist es dann vielleicht nur folgerichtig wenn er diese Aussage macht: „Ich will ein produktives Mitglied der menschli chen Gesellschaft sein. Ich identifiziere mich zwar mit der Punk-Bewegung, aber innerlich bin ich immer noch das kleine Kind, daß möchte, daß alle es mögen“.


Ausschnitte aus einem Gespräch mit John Shirley, geführt am 13. Sept. '93 in der Redaktion von „Weired“ - Magazine

F: Die Stories in deiner Collection sind eigentlich keine typischen Cyberpunk-Stories, wie bist du in die Cyberpunk-Bewegung1. verwickelt worden?

A: Die Stories entstanden über einen Zeitraum von zwanzig Jahren, die ersten habe ich mit achtzehn geschrieben. Aber selbst einige dieser frühen Stories hatten eine bestimmte Punk-Qualität, eine gebrochene, chaotische Energie, die auf der anderen Seite sehr geordnet war. Cyberpunk hatte die selben Qualitäten. Er benützt auch die Energie der Straßen und formt sie gleichzeitig zu etwas mit sehr dichtem Informationsgehalt. Und ich entwickelte mich in diese Richtung. Dann schrieb ich Roman „City come a walkin'“, manche sagen, daß es das erste Cyberpunk-Buch sei. Es handelt hauptsächlich davon, wie Cybernetiks die Gesellschaft transformieren. Der Held der Geschichte ist die Stadt San Francisco, deren Kollektivbewußtsein sich in einer Person manifestiert. Diese hat verspiegelte Sonnengläser, die aus ihrem Kopf wachsen - diese Mirror-Shades wurden später zum Symbol der Cyberpunk-Bewegung, und auch das Buch beeinflußte viele. Sterling und Gibson haben es gelesen. Bruce Sterling organisierte damals die Cyberpunk-Bewegung. Und auf einer Convention in Vancouver trat ein Typ namens William Gibson an mich heran. Er hatte noch nichts veröffentlicht, aber er bat mich einige seiner Stories zu lesen. Ich sah sofort, daß sie brillant waren und schicke sie zu dem Editor von „Omni“ , sie wurden gedruckt und seine Karriere begann. Einiges von dem was er tat, habe ich zuerst getan, aber er tat es wirklich besser. Außerdem verband er viele Dinge an die ich nicht gedacht hatte. Er ist kulturell viel gebildeter als ich, und ich war damals wirklich ein Punk2..

F: Hast du schon immer für deinen Lebensunterhalt geschrieben?

A: Meistens. Ich war auch in Rockbands3.. Alles andere, was ich noch konnte, hätte mich ins Gefängnis gebracht.

F: Deine Kurzgeschichten zeigen einige sehr dunkle Seiten -

A: Da ist Gewalt in mir, was nicht heißen soll, daß ich diese Gewalt auslebe. Früher bin ich in Barschlägereien geraten. Ich weiß nicht woher diese Gewalt kommt, aber sie wird in meiner Arbeit und in meiner Anschauung, das die Welt ein räuberischer Ort ist, sichtbar.

F: Wie siehst du heute den Einfluß von Cyberpunk?

A: Er beeinflußt immer noch die Leute, breitet sich aus, in Filmen wie „Terminator 2“ kann man es deutlich sehen, oder bei „Demolition Man“ und „Total Recall“. Stilistisch findet man Cyberpunk in vielen anderen Filmen und im TV wieder. Cyber punk ist aber auch ein Medium um neue Technologien psychologisch zu adaptieren.

F: Wie bist du zum Drehbuchschreiben gekommen?

A: William Gibson und ich sind gute Freunde und er wurde von Edward Pressman beauftragt ein Script zu seiner Story „New Rose Hotel“ zu schreiben. Pressman hat Filme wie „Wall Street“ gemacht. Gibson sagte, daß er mich zum Co-Writer wollte und das verschaffte mir einen Fuß in der Tür. Ich schrieb also dieses Script, keine Ahnung wo es abgeblieben ist, sie hatten inzwischen drei Regisseure4. und es geht immer noch nicht voran. Dann habe ich ein weiteres Drehbuch für Pressman geschrieben, daß auf Rudy Ruckers Roman „Software“ basierte. Brad Lennard soll Regie führen, aber ich weiß nicht wieviel sie von meinem Original-Buch verwenden werden. Weiß du, typisch ist folgendes, sie zahlen dir eine Menge Geld für ein Drehbuch, doch selbst wenn es ein gutes Script ist, sind sie so unsicher, daß sie es so oft umschreiben lassen, bis oft alles zerstört ist und sie vergessen haben warum sie überhaupt den Film machen wollten.

F: Ist das mit deinen Drehbüchern auch passiert?

A: Ja, aber du versuchst, es nicht so wichtig zu nehmen.

F: Du meinst, du nimmst ihr Geld und vergißt die Sache?

A: - und hoffst, das du eines Tages in der Position bist, daß dein Script realisiert wird. In der Zwischenzeit ist es ein Lernprozeß und außerdem noch finanziell nützlich. Ich habe den Film „The Crow“ geschrieben, der auf dem gleichnamigen Comic-Book basiert. Der Film bei dem Brandon Lee getötet wurde, sie haben den Film inzwischen fertig gestellt, sie waren waren mit den Dreharbeiten fast fertig, aber der ganze Prozeß war sehr deprimierend und frustrierend.

F: Und, haben sie dein Script verwandt?

A: Es werden zwei Autoren genannt, aber ich schrieb die ersten drei Fassungen. Ich werde wahrscheinlich einen weiteren Film für den gleichen Produzenten schreiben und außerdem eine Episode für „Deep Space 9“. Letztendlich kann ich diese Arbeit dazu benützen, um Freiräume für die Dinge, die ich wirklich schreiben will, zu schaffen.

1. In der Cyberpunk-Bewegung gilt John Shirley als Legende
2. Shirley wurde mehrmals von der Highschool gewiesen, saß im Jugendgefängnis, wo er auch in Kontakt mit Drogen kam - er war viele Jahre Drogensüchtig
3. Shirley spielt - bzw. singt - immer noch in einer Punk-Band und hat außerdem die Songtexte für die neue CD von Blue Oyster Cult geschrieben.
4. Kathryn Bigelow war interessiert, hat dann aber „Point Break“ gemacht

Alle Texte auf dieser Seite ©Myra Çakan

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